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Waldemars Altarchiv

Facebook, Kulturschocks und Demonstrationen – Gedanken nach einem Mittag in Hamburg

Es ist ja keine grundlegend neue Erkenntnis, dass sich große Teile der Bevölkerung und die organisierte Politik weitgehend auseinander gelebt haben. Das ist gar nicht einmal bösartig, weil von denen, die sich da still abgewendet haben, niemand die Demokratie und ihre organisierte Umsetzung grundsätzlich in Frage stellt, das Problem ist eher das zunehmend gleichförmige Personal aus Nurpolitikern, die von der Jugendorganisation bis zu hohen Staatsämtern nur Politik kennen und im Wege durch die Hierarchien vor allem gelernt haben, vorsichtig zu sein und möglichst wenig anzuecken, was originelle Ansichten und deutliche Aussprache weitgehend ausschließt. Das macht sie langweilig, austauschbar, vor allem unglaubwürdig und selbst die Auseinandersetzung mit dem ebenso aussehenden und sprechenden Gegner ist ritualisierte Floskelbeschimpfung, die nur Gähnen hervorruft. Mein Mathematiklehrer, den Gott hoffentlich selig hat, sagte einmal zu uns, immer wenn er in die Klasse käme, schlüge ihm diese wohlwollende Gleichgültigkeit entgegen. Genauso empfinde ich die Haltung der Mehrheit unserer Bevölkerung zum politischen System.

Vor diesem Hintergrund ist das Phänomen Guttenberg erklärbar. Es tauchte in der Politik wie aus dem Nichts ein Mann auf, der schon sehr schnell damit auffiel, dass er völlig anders war, er sagte, was er dachte und er tat dies auch dann, wenn es scheinbar unpopulär wirken musste. Dass er adlig und steinreich ist, störte niemanden, im Gegenteil, vielleicht faszinierte es sogar, aber im wesentlichen war es unwichtig und nur aus einem Grund mittelbar von Bedeutung. Es schaffte ihm eben jene Unabhängigkeit von der bezahlten Politik, die ihm seine Souveränität möglich machte und ihn so anders sein ließ, als all die Gestalten, die den Politikbetrieb so bevölkern. Weil aber viele derer, die sich schon vom Parlamentarismus verabschiedet hatten, durchaus Interesse an Politik haben, hatten sie den gefunden, der sie zurückführte. Naiv wäre es für CDU und CSU, zu glauben, es hätte etwas mit ihnen zu tun, die Parteizugehörigkeit ist für die meisten unwichtig. Es ist der Mann, nicht seine Partei.

Das erklärt aber auch den Hass, den er auf der linken Seite auslöste. Guttenberg repräsentierte all das, was man selber nicht hatte. Das Charisma, dass eben genau jene Gruppe der Politikmüden auf ihn fliegen ließ, von der man selber doch glaubte, sie müsse die eigentliche Zielgruppe der eigenen Arbeit sein und die man doch nie erreichte, die Offenheit, die dazu führte, dass ihm jeder Fehler verziehen wurde, während man selber sich so krampfhaft bemühte, ihn daran endlich scheitern zu lassen. Die Überzeugung, doch das bessere zu repräsentieren und dabei von genau denen, die man so gern gewonnen hätte, völlig übersehen zu werden. Niemand hat das wider Willen eindrucksvoller gezeigt, als jener Sigmar Gabriel, eine klassische Politfigur wie tausend andere, von den Falken bis zum Parteivorsitz nur Apparatschik, als er im Bundestag seine Rede gegen Guttenberg hielt und dabei sich in einen zunehmend unkontrollierten Hassausbruch steigerte, der nur entlarvte, wie viel Neid auf den Erfolg dieses Mannes, wieviel Frustration, ob seiner Strahlkraft, die selbst in dem Moment der Niederlage seinen Feinden nur den Schatten ließ, sich in ihm angestaut hatte. Nur dies macht es erklärbar, dass ein Bremer Professor (schon das ein Widerspruch in sich) sich hinsetzt und so lange verbiestert nach den Leichen im Keller sucht, bis er endlich fündig wird. Ob der nun wirklich der Täterpartei der zweiten deutschen Diktatur angehört oder nicht, ist zweitrangig. Und nur so kommt diese schlimmste aller deutschen Untugenden zum Tragen, mit der sich dann die versammelte akademische Neidgesellschaft hinsetzte, ihre Titel verteidigend, die draußen niemanden wirklich bewegen, um akribisch daran zu arbeiten, einen anderen zu zerstören und dabei noch sich auf der Seite des Rechtes, der guten Sache zu sehen. Das weckt des Deutschen Kreativität, lässt ihn arbeiten, suchen, schnüffeln, denunzieren, die Fehlern des anderen finden und triumphierend sich feiern lassen, wenn er den zuvor so Erfolgreichen, der gemeiner Weise im Licht stand, während er selber als rechtschaffener linker Bildungsbürger nie aus dem Schatten kam, endlich in den Dreck treten konnte und jetzt mit erhobenem Zeigefinger sagen kann, ich habe das Rechte getan.

Doch jetzt, als sie sich am Ziel glaubten, die versammelten Medien im Rücken, geschieht etwas, was noch mehr frustrieren muss, als die Existenz dieses Mannes zuvor. Die breite Menge derer, die man selber so gern auf seiner Seite hätte, erhebt sich auf ihre Weise. Statt endlich einzusehen, wer die Wahrheit gepachtet hat und nach wem man sich zu richten hat, nutzen sie ihre Plattform, die heute mal Facebook heißt. Sie solidarisieren sich, nun bald 600.000fach mit einem gefallenen Politiker, ein wirklich beispielloser Vorgang in der deutschen politischen Geschichte. Sie schreiben sich ihre Meinung vom Leibe, ungelenk manchmal, bitter, traurig. Sie sind so verschieden, wie sich nicht anders sein können. Die süddeutsche Auszubildende im Einzelhandel, die wahrscheinlich nie zuvor Politik hätte machen wollen, ebenso, wie der konservative norddeutsche Student, der plötzlich mit der Flüstertüte in der Hand lautstark die Passivität der CDU beklagt. Sie fühlen sich wie das Volk, sie, die sich so lange von der Politik missachtet gefühlt haben und plötzlich ihren Mann gefunden hatten, den man ihnen nun wieder nahm, mit einer Hasskampagne, ob eines Fehlers, den sie nicht anders sahen, als ein Abschreiben bei einer Klausur, was jeder schon gemacht hatte. Es soll seinen Fehler nicht schmälern, er hat wirklich schwer ins Klo gegriffen, aber jene, die sich hinter ihm scharten, interessieren sich in der Masse gar nicht für Doktortitel. Nicht der Adel, sondern jene Titelwelt des Akademischen ist für sie eine elitäre Gesellschaft, die ihnen ebenso fremd, wie gleichgültig ist.

Fassungslos stehen sich zwei Kulturen gegenüber. Die einen voller Wut und Bitterkeit über die Kampagne, die wirklich als gnadenlose Hetzkampagne gegen ihr Idol geführt wird, die anderen, die nicht fassen können, dass sie sich von der Mehrheit der Menschen so weit entfernt haben, dass ihr scheinbar größter Triumph sie mehr isoliert hat, denn je zuvor. Verzweifelt die Reaktion. weil nicht sein kann, was nicht sein darf, werden die Facebook Zahlen in Frage gestellt, auch wenn immer wieder der Beweis geführt wird, dass dies nicht stimmt, dann wiederum ist es die Bildzeitung, der Lieblingsfeind und endlich ein Grund, das Desaster zu verstehen, dann werden all diese Menschen pauschal für dumm erklärt, und am Ende darf auch die rechte Keule nicht fehlen, nichts als der vergebliche Versuch, sich das ganze zu erklären, ohne die bittere Wahrheit streifen zu müssen.

Und dann kommt der Tag, an dem sie sich auch beginnen real gegenüber zu stehen. Demonstration. Das Instrument, das die Linke seit Jahrzehnten als ihr Eigentum begreift. Das Instrument, das die Linke zu handhaben perfektioniert hat, bei dem sie Gewalt und Rechtsbruch stets und überall kalkuliert einsetzt. Schon darum wird es als Skandal empfunden, wenn Menschen kommen, die nie zuvor auch nur daran dachten, zu demonstrieren, jetzt sich dieses Instrumentes bedienen. Aber auch endlich ihre Chance, die eigenen Erfahrungen wirkungsvoll einzusetzen und es nun den anderen zu zeigen, wo die wahre Harke hängt und etwas Frust über die eigene Niederlage im Sieg heraus lassen zu können.

So trifft man sich. Unsicher auf dem Neuland die einen. Unvorbereitet, nur wenige Hundert sind gekommen, ein Megaphon ersetzt die Lautsprechanlage, Parolen schreien ist nicht ihr Metier, aber sie sind da. Sie zeigen sich, sie wollen deutlich machen, sie akzeptieren es nicht, dass ihr Mann die Politik verlässt. Und dann die 50 anderen. Hohn und verletzender Spott auf die Andersdenkenden wird vorangetragen, Diffamierung wird Satire genannt, im Wissen, die Journaille wird es so wiedergeben. Niederbrüllen der Andersdenkenden, seit 68 politisches Kampfmittel der Linken, soll sie verstummen lassen, dumpfe Lärmmusik wird aus einer mobilen Profianlage aufgedreht, schon zum Beginn hat das Megaphon keine Chance. Man umstellt den Feind, dröhnt ihn zu, verspottet ihn, in dem man „lauter gröhlt“ und die eigenen Lautsprecher auf das höchste dreht. Es ist der Gipfel der Verständnislosigkeit. Gewinnt man durch Niederbrüllen und Diffamieren? Vielleicht die akustische Herrschaft an einem Mittag. Die sicher. Aber nicht einmal vertreiben ließen sie sich, jene, die sich in wenigen Tagen zusammen fanden, um es nicht hin zu nehmen, dass man den ersten Politiker seit Jahren, der für sie Glaubwürdigkeit verkörperte, weggeschossen hatte. Ja, ich höre es aufheulen; ja, Glaubwürdigkeit verkörperte. Glaubwürdigkeit, trotz kopierter Zeilen in einer Doktorarbeit. Weil er die Gabe hatte, zu sagen, was er dachte und weil eine Doktorarbeit, so grausam es sein mag, der Masse am Hintern vorbei geht.

Eines ist nach diesem Mittag klar. Es gibt nicht einmal Ansätze einer Gesprächsgrundlage zwischen der Linken und diesen Menschen, die Politik neu entdeckten und sich ganz langsam und zögernd formieren. So verschieden sie sind, so haben sie gemerkt, sie sind nicht allein und sie können gemeinsam handeln. Und sie sind sicher nie mehr erreichbar für diejenigen, die ihnen nur mit Verachtung, Hass und Diffamierung begegnet sind. Selbst durch seinen Rücktritt hat die Linke gegen Guttenberg endgültig den Kürzeren gezogen.

Ob sich daraus noch mehr entwickelt, werden wir sehen. Doch selbst, wenn erst einmal Schweigen ist, so haben sich die Verdrossenen doch artikuliert, zu Hunderttausenden im Internet und ein paar Tausend haben sich heraus getraut. Auf Dauer wird es dabei nicht bleiben. Es ist Zeit, dass die gesamte etablierte Politik lernt, dass sie es ist, die sich verändern muss. Hätten alle Seiten mehr Guttenbergs, offene, charismatische Menschen mit Brüchen, Fehlern, Mut, Ecken und Kanten, die sagen, was sie denken, egal wie es ankommen mag, die Politik könnte viele neue Fans bekommen. Demokraten sogar.

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Über Waldemar Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

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