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Waldemars Altarchiv

Waldemar Pabst oder nur der vollendete Mord schafft die Ikone

Eine ketzerische Annäherung an eine Tat

Erlösungsphilosophien brauchen dreierlei, Glauben, Heilige und Schurken.

Wie der Marxismus, eine wissenschaftlich verbrämte Scharlatanerie. Er benötigt als Grundlage die Schaffung eines neuen Menschen und darum auch bereits in der Theorie für seine Umsetzung ein gnadenloses Unterdrückungssystem, was im 20. Jahrhundert mit Abermillionen von Ermordeten und einem in jeder Variante im Staatsbankrott gescheiterten Wirtschaftsystem sich hinreichend erproben ließ. Eine Reihe ewiggestriger deutscher Wohlstandsbürger hindert das nicht, weiterhin oder wieder daran zu glauben. Die dazu gehörige Heilige heißt Rosa Luxemburg, weshalb die in die Jahre gekommene Garde der Täter nebst Neuanhänger der Täterpartei der zweiten deutschen Diktatur auch 93 Jahre nach ihrem Tod in jedem Januar einmal bedeutungsschwer zu ihrem Grabe und dem ihres politischen Putschpartners Karl Liebknecht pilgert.

Verwunderlicher Weise geht die hohe Achtung für die Revolutionsikone über den Kreis der Altbolschewiken hinaus, unternahmen doch sie und ihre Genossen nichts weniger als den Versuch, die gerade durch die Novemberrevolution 1918 zur Macht gekommene sozialdemokratische Regierung mittels eines Aufstandes zu stürzen und durch eine sozialistische Räteherrschaft zu ersetzen, nach dem russischen Vorbild also der demokratischen Revolution die kommunistische folgen zu lassen. Das zu einem Zeitpunkt, da Lenin bereits den Roten Terror herrschen ließ, durch den zu Zehntausenden nicht nur Feinde und Gegner ermordet wurden, sondern vor allem systematisch Angehörige der bürgerlichen Klassen, einzig aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ein geistiger und kultureller Aderlass von dem sich Russland bis heute nicht erholt hat. Etwas verwirrend auf den ersten Blick daher das Ansehen der beiden roten Führer der deutschen Revolution, nach denen bis heute Straßen benannt sind, zumal beim liberalen Bildungsbürger.

Vielleicht ist die Antwort schlicht. Die zweite, die kommunistische Revolution fand nicht statt. Der Putsch gegen die erste demokratische Regierung Deutschlands scheiterte in jenen Januartagen 1919 an einem Bündnis aus parlamentarisch orientierter Sozialdemokratie ohne Waffen und reaktionären, kaiserlichen Militärs, die sich zum bewaffneten Arm der Republikregierung machten, auch um später die Rechnung dafür einzufordern. Und da immer Menschen Geschichte machen, handelten zwei Männer, die den Bluthund machten *). Den Lichtgestalten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stehen die gegenüber, die erst ihren Träumen von der sozialistischen Räteherrschaft und dann ihnen selber den Garaus machten; der Sozialdemokrat Gustav Noske und der kaiserliche Offizier und Bolschewistenhasser Waldemar Pabst, wofür die Geschichte ihnen die Rolle der Schurken zuwies.

Schnell erzählt ist das Geschehen. Der Aufstand, schlecht organisiert, brach unter der Gewalt der gnadenlos vorgehenden professionellen Truppe schnell zusammen, seine Anführer wurden festgenommen und in den Stab der siegreichen Division verbracht, wo statt des herzkranken Generals ein Hauptmann, sein erster Generalstabsoffizier, die Befehlsgewalt ausübte, jener Waldemar Pabst, der sich selber Reden Rosa Luxemburgs angehört hatte, beeindruckt von Charisma und Rhetorik zum Schluss gekommen war, dass diese Führer auch nach der Niederschlagung ihres Aufstands erneut Massen würden fesseln können, hingegen die Revolution ohne ihre Köpfe ihre Kraft endgültig verloren hätte. Er hat mit dieser Einschätzung nicht falsch gelegen und sah in dieser Nacht sich selber in der Verantwortung, die schmutzige Entscheidung über Deutschlands Weg zu treffen. Gustav Noske, eingebunden in die Regierung, mochte Befehle nicht erteilen, beschränkte sich auf den Rat, er müsse selbst verantworten was zu tun wäre. Kühle Kalkulation war das Motiv, nicht Gustav Noske, sondern Waldemar Pabst scheute die Verantwortung nicht *), gab den Befehl die Putschistenführer ohne Verfahren zu töten. Ein nüchterner Mordentschluss mit nüchternem finalen Erfolg. Eine rote Revolution gab es in Deutschland keine mehr.

In der Konsequenz weiß niemand, was aus Deutschland, Europa und der Welt geworden wäre, hätten die Spartakisten Erfolg gehabt. Die Getöteten bleiben in der Erinnerung mit dem, was sie geschrieben hatten, bevor sie politische Macht hätten haben können und ihrer Tat, dem Revolutionsversuch. Rosa Luxemburg speziell noch mit ein paar kritischen Zeilen zu Lenins Terror und jenem Satz von der Freiheit des Andersdenkenden, von dem fast niemand weiß, dass er sich ausschließlich auf den andersdenkenden Sozialisten bezog, Angehörige anderer Klassen oder gar bürgerliche Gegner fielen darunter nicht. Die Erinnerung trübt es nicht und nichts ist so geeignet, wie der gewaltsame Tod, den Märtyrerstatus zu erlangen. Die guten Roten, hätten sie nur überlebt, es wäre die Welt des heilen Sozialismus geworden. Da blieb ihren Killern nur der Gruselstatus. Gustav Noske der peinlich verschwiegene Wechselbalg der SPD, Schande der Familie und Waldemar Pabst, der Konterrevolutionär, der geheime Strippenzieher aller Verschwörungen des 20. Jahrhunderts, wozu sein marxistischer Biograf Klaus Gietinger ihn in der realitätsfernen Überhöhung einer heimlich bewundernden Hassliebe ernannte und ihm 400 Seiten widmete.

Pabst war von solchem Vertrauen in die rosa Zukunft gänzlich frei, hatte vielleicht sogar die dunkle Vorahnung, dass das mit der zweiten Revolution stattdessen durchaus in Richtung des Massenmords an denen, die Bolschewisten bürgerliche Klasse nannten, trotz der netten Rosa, die er bewundert haben mag, gehen könnte. Die Vorgänge in Russland waren nur zu gut bekannt, hatte doch die bornierte, kurzsichtige kaiserliche Militärführung nicht einmal zwei Jahre zuvor dafür gesorgt, dass Lenin agieren konnte. Von Pabst war diese Sicht zu erwarten. Dass jedoch nicht nur Noske, sondern auch Ebert die Analyse teilte, verdrängen Geschichtsschreibung und Sozialdemokratie heute gern. Einen kleinen Blick auf die tatsächliche Lage darf man sich gönnen. Zum Beispiel, wie man die gesamte Gesellschaft, das Wirtschaftssystem und die Eigentumsverhältnisse grundlegend umwälzen möchte, ohne dabei eine Diktatur einzurichten, noch dazu, wenn man gleich einen neuen Menschen schaffen will (s.o.), dem Gewinnstreben und Handel geradezu vererbbar ausgetrieben wurde. Kein marxistisch orientiertes System im 20. Jahrhundert ist ohne brutale Diktatur ausgekommen, wie auch, bei dem Anspruch. Der andersdenkende Pabst stand nicht auf Rosas Freiheitsagenda, seine ganze „Klasse“ ebenso wenig. Und Deutschlands Lage in jenen Jahren war horribel. Durch die Blockade ausgehungert, den Krieg erschöpft, alle Moral durch das Kriegserlebnis verloren, wirtschaftlich tief am Boden und durch Reparationen bedroht. Mitleid, steht zu befürchten, hätten die Westmächte mit einem kommunistischen Deutschland noch weniger gehabt, als mit der sich mühsam bildenden Demokratie. Da bolschewistische Systeme nach allen praktischen Erfahrungen der letzten 100 Jahre schon wohlhabende Staaten unweigerlich in den Staatsbankrott führen, bedarf es wenig Fantasie, sich das Grauen im ökonomischen Sektor vorzustellen, das eine Spartakistenherrschaft angerichtet hätte. Im Russland der Sowjets verhungerten die Menschen zu Millionen. Welche Radikalisierung diese ökonomische Lage für eine rote Diktatur zur Folge gehabt hätte, liegt auf der Hand. Wie in Russland hätte Machterhalt erbarmungslose Maßnahmen gefordert. Mit Karl Radek war Lenins Regime ohnehin im engsten Umfeld der Spartakistenführer offiziell vertreten, Außenminister Tschitscherin hatte schon während des Aufstands am Telefon gesteuert. Wie lange hätten wohl ein zwischen zwei kommunistischen Staaten eingeklemmtes Polen und die anderen neuerstandenen Staaten Mittelosteuropas überlebt?  Wann hätte der Revolutionskrieg Richtung Westen angefangen und sei es nur um neue Kapitalisten zum Ausplündern zu finden und die eigenen Massen ein paar Monate wieder füttern und ablenken zu können. Die Weltrevolution war das Credo, erst Stalin änderte das sieben Jahre später, als weitere Revolutionen eben ausgeblieben oder niedergeschlagen waren. Schauerlich, sich auszumalen, wie viel Millionen Tote all das wohl gekostet hätte, wo doch allein die Sowjetunion wohl weit über 30 Millionen, vielleicht sogar wesentlich mehr ihrer Menschen bis Ende der 30er Jahre auf die verschiedensten Weisen den Tod brachte.

Es bleibt Spekulation, denn Waldemar Pabst mordete die Revolution. Doch die Möglichkeit, dass er menschenverschlingenden schwer vorstellbaren Horror verhinderte, bleibt nicht auszuschließen.

Daran ändert auch die furchtbare Tatsache nichts, dass genau 14 Jahre danach jener menschenverschlingende Horror im braunen Gewand daher kam, die beispiellosesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu begehen. Pabst, Reaktionär, Militarist, Monarchist, Kapp-Putschist als die Sozialdemokratie die Freikorpsverbände auflösen wollte und Anhänger autoritärer Herrschaftsysteme, baute in den 20er Jahren in Österreich die paramilitärische Heimwehr auf und beteiligte sich mit Geld der Industrie daran, grenzüberschreitende rechte Netzwerke aufzubauen, wobei ihm gleichgültig war, ob die industriellen Finanziers jüdisch oder nicht waren, antisemitische Berührungsängste kannte er da nicht. Die Nationalsozialisten allerdings blieben ihm fremd. Im Gegensatz zu vielen Nationalkonservativen und Reaktionären dieser Zeit, die in den Nazis gewissermaßen die Proletarier des eigenen Denkens sahen und von denen nicht wenige für diesen fundamentalen Irrtum entweder in Plötzensee und Flossenbürg mit ihrem Leben bezahlt haben oder selber zu Verbrechern geworden sind, hatte Pabst schon beim ersten Kontakt in den 20er Jahren den fundamentalen Unterschied zu dieser revolutionären und ganz anders gearteten Bewegung erkannt und auch später alle Angebote Hitlers abgelehnt. Die Dynamik von Massenbewegungen auf der Grundlage geschlossener Ideologien scheint ihm auf allen Seiten suspekt gewesen zu sein. Nicht viele konnten von sich behaupten, Adolf Hitler ins Gesicht gesagt zu haben: „So wie Sie aussehen und sprechen, lachen die Leute Sie aus.“, womit er seiner Zeit leider weit voraus war. Nur durch knappen Zufall entging er Hitlers Rache am 30.Juni 1934, als die Nazis die SA zerschlugen und gleichzeitig ihre konservativen Gegner gewissermaßen nebenbei durch Mord dezimierten. Mehrmonatige Haft unter Todesdrohung war nicht zu verhindern. Hermann Göring rettete ihn. Sein engster Freundeskreis, schon seit den Freikorpszeiten, sammelte sich um Admiral Canaris, einst an der Vertuschung der Morde an Liebknecht und Luxemburg beteiligt, im militärischen Geheimdienst, der Abwehr und bildete den entschlossensten Kern des militärischen Widerstandes gegen Hitler. Das wahre Leben, außerhalb von Religion oder Ideologie ist immer Ansammlung verschiedenster Zwischentöne. Pabst war stets im Bilde, beteiligt hat er sich nicht, der Widerstand würde zu viel reden und zu wenig handeln, soll er, der schon gehandelt hatte, gesagt haben. Kein reiner und guter Mensch, er machte Rüstungsgeschäfte, verdiente am Krieg und setzte sich 1943 in die Schweiz ab, als ihm Deutschland samt schnüffelnder Gestapo etwas zu heiß wurde. Als lebenslanger Antikommunist und Waffenhändler starb er mit fast 90 Jahren 1970. Mit der bundesrepublikanischen Demokratie hatte er sich arrangiert, geliebt dürfte er sie nicht haben. Sein zeitweiliger Versuch, gemeinsam mit seinem Freund aus Freikorpstagen, dem Widerständler Friedrich Wilhelm Heinz mit dessen für die Bundesregierung arbeitendem Heinz-Dienst den neuen bundesdeutschen Geheimdienst bilden, scheiterte an den Intrigen der zahlreichen Altnazis in Schlüsselstellungen, die mit der konkurrierenden SS durchsetzen Organisation Gehlen besser leben konnten.

Kein Demokrat, kein Vorbild, ein lebenslanger Verschwörer ohne Reue, Hassobjekt der deutschen Linken.

Aber ein Mann, der gehandelt hatte und wie selten ein Mensch mit genau der Tat, die er beging, genau das erreichte, was er mit ihr bezweckte. Und eben darum die Unperson wurde und sein Opfer die Ikone, die er als Objekt feuchtäugiger Erinnerungslyrik unsterblich machte. Preis des Erfolgs, den er gern gezahlt haben wird, er war pragmatisch. Und selbst sein Biograf, voller Verehrung für die Toten und auch im 21. Jahrhundert unbelehrbar traurig über das Misslingen der zweiten Revolution, vermag sich diesem finsteren Mann nicht wirklich zu entziehen.

*) „Einer muss den Bluthund machen! Ich scheue die Verantwortung nicht!“, Gustav Noske, als er sich im Rat der Volksbeauftragten bereit erklärte, den Spartakusaufstand niederzuschlagen.

Epilog. 28. September 1938. Septemberverschwörung

Schlüsseltag des 20. Jahrhunderts. Ein Tag, an dessen Abend mehr als 50 Millionen Menschen auf der ganzen Welt zum Tode verurteilt waren, die bis 1945 Opfer des zweiten Weltkrieges und des monströsen Verbrechens des Judenmordes werden sollten.

Adolf Hitler hatte mit seinen Erpressungen zur Erlangung des Sudetenlandes bewusst die Welt an den Rand des Krieges getrieben, den er schon zu diesem Zeitpunkt wollte. Zum völligen Entsetzen seiner militärischen Führung und zur lähmenden Furcht seines von dieser Aussicht wenig begeisterten Volkes. Die Wehrmachtführung, noch erschreckt von ihrer ersten Entmachtung durch die Fritschkrise, war ansprechbar für ein Handeln gegen das Regime wie nie zuvor und nie mehr danach. Der schon lange und durchaus aus grundsätzlicher moralischer Empörung über das Verbrecherregime zum Handeln drängenden Widerstandskreis um Canaris in der Abwehr hatte den Generalstabschef überzeugt, der sogar seinen zögerlichen und feigen Oberbefehlshaber des Heeres mitzuziehen vermochte. Jede Geschichtsschreibung des Widerstandes nennt dieses Datum als die aussichtsreichste Möglichkeit, Hitler zu beseitigen, den Krieg und die Massenmorde zu verhindern.

Die Verschwörer wollten Hitler verhaften und vor ein Gericht stellen. Übernehmen sollte dies ein Kommando, das dem oben kurz erwähnten Abwehroffizier Friedrich Wilhelm Heinz unterstand. Heinz aber hielt es für eher lebensfremd mit einem lebendigen Hitler das politische System umstürzen zu wollen und entschied sich gemeinsam mit Hans Oster, unbeirrter Nazifeind von der ersten Stunde des Regimes bis zu seiner Ermordung in Flossenbürg im April 1945, ohne Rücksprache mit der Führung der Putschisten Hitler bei diesem Unternehmen auf eigene Verantwortung zu töten. Ironie der Geschichte, doch vielleicht gar nicht so zufällig,  Oster wie Heinz, Soldaten mit politischem Hintergrund, mit rechtsreaktionärer Aktivität in den 20er Jahren den Freikorps entstammend, gehörten zeitlebens zu den engsten Freunden von Waldemar Pabst. Schwer vorstellbar, dass letzterer nicht Mitwisser war, doch das soll nicht Thema sein. Während Heinz sein Kommando versammelt hatte und es in die Verschwörung in der Verschwörung einweihte, dass Hitler zu erschießen wäre, übermittelte der britische Regierungschef, obgleich informiert darüber, was der Widerstand plante, dem unerfreut überraschten Diktator das Angebot, alle Forderungen auf einer Konferenz in München zu erfüllen und glaubte damit den Frieden in seiner Zeit gerettet zu haben. Hitler musste den Krieg ein Jahr vertagen, das eben noch entsetzte Volk feierte ihn frenetisch als politischen Sieger ohne Blutvergießen, ein Putsch wurde undenkbar, nie wieder hat sich die fast gesamte Generalität zu einem Unternehmen wie diesem bereit gefunden. Heinz und seine Männer wurden unverrichteter Dinge heim geschickt, das Schicksal der Welt war der Abgrund.

Was, wäre es Heinz gelungen, Adolf Hitler zu töten? Kein Krieg, kein Judenmord, kein Orkan der Vernichtung über Europa und Ostasien, mehr als 50 Millionen Menschen, die hätten leben dürfen, ein Deutschland, dass zu einer zivilisierten Form der Regierung zurück gefunden hätte und nicht auf Jahrhunderte zu einer Nation mit dem Odium des Verbrechens geworden wäre. Wir wissen das, weil Hitler diesen Tag überlebte. Hätte Friedrich Wilhelm Heinz mit seinen Männern ihn erschossen, kein Zeitgenosse und Nachgeborener, kein Jude Europas, keiner der 50 Millionen hätte auch nur eine Ahnung davon gehabt, welcher Kelch an ihm vorüber gegangen wäre. Adolf Hitler hätten die Menschen Deutschlands nach dem beurteilt, was er bis zum September 1938 in ihren Augen getan hätte.

Nur die Angst vor dem Krieg und seinen Verlusten hatte die Volksgenossen kurzfristig von ihrem Führer abrücken lassen. Doch sonst war er für sie der erfolgreichste Staatsführer, den Deutschland je hatte. Versailles überwunden, das Land war eine Weltmacht in nur fünf Jahren geworden, aus tiefster Depression Vollbeschäftigung, Optimismus allerorten, weltweite Anerkennung, technischer Fortschritt wie nie zuvor. Das war ihr Bild. Unterdrückung Oppositioneller, Konzentrationslager und die Entrechtung der Juden standen dagegen. Nur, hatte das den begeisterten Durchschnittsdeutschen wirklich bewegt? Genug vielleicht zur Begründung für die Notwendigkeit des Neuaufbaus des politischen Systems, denn die Verschwörer hätten sich durchgesetzt, weil das Nazisystem mit der Person Hitlers untrennbar verbunden war, doch begeistert über den Umsturz wäre die Masse der Menschen nicht gewesen. Unausweichliche Regierungskrisen angesichts der Heterogenität der Verschwörer und ihrer Uneinigkeit über den Staatsaufbau des neuen Deutschlands hätten ebenso das ihre getan wie der äußere Machtverfall des Reiches, sehr schnell die Sehnsucht nach dem Führer wieder hoch kommen zu lassen. Spätestens anfangs der 40er Jahre wäre es unweigerlich zu einem furchtbaren Wirtschaftszusammenbruch gekommen, denn all seine Erfolge hatte Hitler schlicht mit unvorstellbaren Staatsschulden erkauft, die er mit Wechseln finanzierte und durch die Staatsschätze der Nachbarländer nach dem unvermeidlichen Krieg, auf den er zusteuerte, zu begleichen dachte. Nur wären diese Zusammenhänge dem Deutschen sicher nicht klar zu machen gewesen, er hätte das weder verstanden, noch wissen wollen, für die Krise wären die neuen Machthaber in die Verantwortung genommen worden, die Nostalgie nach den Führerzeiten hätte es nur noch weiter erhöht. Und schnell wäre die so deutsche Frage gekommen, warum man Hitler nicht wenigstens ordentlich vor Gericht gestellt hätte, wäre es nicht Mord gewesen, ihn ohne Auftrag einfach zu erschießen? Wie man auch immer weiter spekulieren mag, Friedrich Wilhelm Heinz hätte den Status des Mörders gehabt und Adolf Hitler den eines zwar diktatorischen, aber legendären Führers des deutschen Volkes, zu dessen Mausoleum in Linz vermutlich noch heute die nationalen Vereine, denn so etwas gäbe es noch, an seinem Todestag zum Gedenken ziehen würden.

Es ist nicht so gekommen. Friedrich Wilhelm Heinz hatte keinen Erfolg und ist damit für die Geschichtsschreibung trotz politisch nicht weniger zweifelhafter Vita als sein Freund Pabst, ein geachteter Widerständler und Adolf Hitler wurde der schlimmste Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Heinz wäre es vermutlich anders lieber gewesen.

Nein, es sollten nicht Rosa Luxemburg und Adolf Hitler verglichen werden. Dieser Vergleich verbietet sich schon deshalb, weil unabhängig von der Zahl der Opfer von Kommunismus und Nationalsozialismus, letzterer durch die Begehungsweise und die alle Errungenschaften der Zivilisation negierende Ideologie ein singuläres Verbrechen in der Geschichte der Menschheit darstellt. Und der, der die Opferzahlen vergleicht, möge berücksichtigen, dass die Nazis nur 12 Jahre Zeit hatten und den Krieg verloren. Allein für die Besetzung Russlands waren 30 Millionen Hungertote kalkuliert worden. Abgesehen von der simplen Tatsache, dass es ein unsinniger Vergleich der reinen Hypothese wäre, welches Schicksal Deutschland und Europa bei einer Machtübernahme der Spartakisten hätte nehmen können, mit der entsetzlichen Realität der Folgen, dass Hitler den 28.09.1938 überlebte.

Vergleichbar sind die Männer und der Entschluss. Von Herkommen und Überzeugungen gleichen sie einander fast wie Zwillinge, eng verbunden auch nach dem Krieg, den Heinz als einer der ganz wenigen des Abwehrkreises nach dem 20. Juli im Untergrund überlebte. Sie entschlossen sich, auf eigene Verantwortung zu töten, in der Überzeugung, damit Schlimmstes vermeiden zu können. Erkenntnis ist, dass nur die Tatsache, dass die eine Tat nicht zur Ausführung kam und die Folgen vermutlich die schlimmsten Alpträume des verhinderten Attentäters bei weitem übertrafen, sie zur anerkannten und die Tötungsabsicht nicht hinterfragenden Widerstandshandlung macht, während sich die Bewertung der vollendeten Tat des Waldemar Pabst immer auf pure Spekulation und die eigene Überzeugung beziehen wird.

Nicht das Glatte und Reine, die Grauzonen, die Schatten und die Interpretationsspielräume bestimmen das Faszinierende einer Figur. Wobei auch Faszination als Begriff, das lehrt das Beispiel Gietinger, erst einmal wertungsfrei ist.

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Über Waldemar Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

Diskussionen

8 Gedanken zu “Waldemar Pabst oder nur der vollendete Mord schafft die Ikone

  1. Werter Herr Pabst, können Sie ihre Behauptung, daß es sich beim (Spartakus-) Aufstand um einen „Putsch“, also einen Staatsstreich gehandelt hat, belegen ?

    Freundlichst, R.Michaelis

    Verfasst von Reiner Michaelis | 7. März 2017, 23:48
  2. Tja, da haben wir wohl verschiedene Geschichtsbücher gelesen. Das was Sie „Putsch“ nennen war ein Aufstand / Generalstreik gegen die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Eichorn.

    Putschversuche gab es dagegen von ihrem Namensvetter und danach von von Lüttwitz, Ludendorf und Kapp.

    Verfasst von Reiner Michaelis | 8. März 2017, 21:27
  3. Dann helfen Sie mir doch, mit ein-zwei Buchempfehlungen schwarzbrauner
    Friedensengel, mein Geschichtsbild wieder ins RECHTE Lot zu rücken.

    Vielen Dank im Voraus.

    Verfasst von Reiner Michaelis | 9. März 2017, 01:12
  4. Sie sind ein-unbequemen (Nach-)Fragen aus dem Wege gehender-Feigling (was auch Ihr für sich selbst sprechendes Pseudonym belegt) ! Und die Kommentarfunktion hier eigentlich überflüssig.

    Verfasst von Reiner Michaelis | 9. März 2017, 13:57
  5. Sorry für den letzten Beitrag, sofern Sie den vorletzten beantworten. Dachte, Sie hätten meine Nachfrage gelöscht.

    Verfasst von Reiner Michaelis | 9. März 2017, 13:59

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