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Waldemar

Fifteen Days of Fame

Manchmal gefällt sie mir. Die Angie.

„Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben können. Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation.“ Angela Merkel

Sommerloch hin oder her, es geht doch nichts über Schlussstriche und besonders in dieser wirklich unerquicklichen Debatte. Mit der Juristerei ist es so eine Sache, ist eben auch Meinungswiderstreit, weshalb ab und an die einen Gerichte diese und die anderen jene Meinung in ihren Urteilen widerspiegeln. Diesmal halt ein Kölner Richter, der vermutlich ein paar Aufsätze irgendeines süddeutschen Professors gelesen hatte, der das religiöse Beschneiden zu seinem Lebenshobby gemacht hat, was böse Menschen für eine sexualpsychologische Obsession halten könnten. Zugegeben wurde damit ein juristisch sehr komplexes Fass aufgemacht und Rechtsunsicherheit hergestellt. Was dann allerdings kam, war atemraubend. Für die einen wurde eine untere Instanz plötzlich zum Maßstab für Deutschland, ohne sich um die Feinheiten des Rechtssystems zu kümmern, erschreckend viele brave Bürger jedoch verhielten sich, als hätten sie das Thema ihres Lebens entdeckt, ein heldenhafter Richter als Kinderschützer gegen immer schon verdächtige Religionen. Die Talkrunden im Fernsehen voll, die vorgebliche Penisverstümmlung als des Deutschen Lebensmittelpunkt.

Hinkende Vergleiche allerorten, nein es war auch nicht besonders treffend, das Urteil einer Erstinstanz in den Vergleich mit der Shoa zu bringen, aber das Verbot des Schlagens von Kindern, die weibliche Genitalverstümmelung, die Unterdrückung der Frauen in muslimischen Ländern samt Burka, all das passte noch viel weniger zur Sache. Die Emotionalität, die da hoch kochte, sie war das Erstaunliche und es ist besser, dem nicht auf den Grund gehen zu wollen. Alles nur, weil sich einer einen Namen machen wollte und diesem Richter ist es gelungen. Keine Fifteen Minutes of Fame, sondern mindestens 15 Tage. Glückwunsch. Damit reicht es aber auch. Die Merkel macht Schluss, schaffen wir ein Gesetz und die Rechtssicherheit ist wieder da. Ende aus.

Es nimmt die Emotion aus dem Ganzen. Die männlicher Beschneidung ist in sieben Jahrzehnten Bundesrepublik völlig unumstritten gewesen. Fürs Judentum mindestens ist sie identitätsstiftend, für die Muslime wahrscheinlich auch, stärker soll gar nicht ins theologische Detail, von dem ich eh nichts verstehe, gegangen werden. Egal wie man das findet, das war Konsens, niemand hat es in Frage gestellt und niemand auf der ganzen Welt, siehe Angela Merkel, tut das. Außer bekloppten Deutschen seit ein paar Tagen. Es ist schlicht der Juden und Muslime Form der Aufnahme in die Religion, ihre Taufe gewissermaßen, um es dem manchmal begriffsstutzigen Christen zu vereinfachen. Das ist gelebte Religionsfreiheit und noch einmal, bis vor wenigen Tagen hat das auch keinen interessiert, war das normal. Aber wo das Landgericht Köln eine Rechtsfrage daraus macht, hätte es die Folge, dass nun weitere Gerichte unterschiedliche Urteile in anderen Verfahren sprechen müssten, die dann durch die Instanzen liefen, bis endlich der BGH sein Urteil fällte und mit Sicherheit das Verfassungsgericht danach. Und bestimmt gäbe es noch jemanden, der den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ins Spiel brächte. Bedeutete mindestens drei bis fünf Jahre eine für alle Betroffenen und sich betroffen Fühlenden kranke Debatte vom Allerfeinsten, legte man die letzten Tage zu Grunde. Absolut richtig, durch den Gesetzgeber gleich zu Beginn einen so sinnfreien Dauerkampf zu unterbinden. Wir haben echt andere Probleme.

Man kann über Religionen, Kulturen, Auseinandersetzungen mit und zwischen denselben eine Menge schreiben, kritisieren und streiten. Zu Recht. Aber hier gab es eine nur unappetitliche Diskussion, die die Welt nicht braucht. Und viele Monster, die manchem Bauchgefühl entstiegen. Höchste Zeit für Muttis Machtwort.

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Auch veröffentlicht bei cdu-politik.de

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Über Waldemar Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

Diskussionen

5 Gedanken zu “Fifteen Days of Fame

  1. Dass nun, nur 12 Jahre nach dem Verbot der Ohrfeige und noch mitten in der rechtlichen Diskussion um FGM auch die Beschneidung diskutiert wird, ist überhaupt nicht “überraschend” oder unzeitgemäß, sondern stellt sich als logische Folge der vorgehenden Diskurse dar. Die Integrität des Kindes wurde schrittweise heraufgestuft, jeweils für normal und kultürlich gehaltene Praktiken hinterfragt. Die altbekannten Reaktionsmuster finden sich nun in der Beschneidungsdebatte: Es sei normal, Kultur, Religion, schon immer so gewesen, harmlos, und: Recht der Eltern auf das Kind. Die Erfahrung mit den bisherigen Diskursen kann zu einem skeptischen Optimismus der Vernunft führen: Im Endeffekt wurde, teilweise nach jahrzehntelangen Kämpfen, das Recht des Kindes erweitert und religiöse Instanzen sowie rachsüchtige Eltern und Lehrer in Schranken verwiesen. Es bleibt zu hoffen, dass sich das im Falle der Beschneidung rascher und zumindest ähnlich effektiv ereignet.
    http://nichtidentisches.wordpress.com/2012/07/28/das-recht-des-kindes/

    Verfasst von Frank Heinze | 5. August 2012, 20:03
    • Nein, es ist nicht überraschend, so wenig überraschend, wie wie es tief aus dem deutschen Bauch heraus kroch. Natürlich ausschließlich besorgt ums Wohl des jüdischen Kindes. Wie könnte man auch auf anderes kommen.

      Verfasst von Waldemar Pabst | 5. August 2012, 20:07
  2. Die Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft, einem Machtwort, das zunächst die Gewaltenteilung aufheben will, die in diesem Beitrag formuliert wird, finde ich allgemein – aber gerade im deutschen Kontext – beunruhigend.

    Verfasst von jgoschler | 8. August 2012, 07:58
    • Wenn das Machtwort seine parlamentarische Umsetzung erfährt, wie geschehen, ist das ein urdemokratischer Vorgang, eine simple Tatsache, die immer jene nicht sehen wollen, die gerade unterlegen sind.

      Verfasst von Waldemar Pabst | 8. August 2012, 08:57
      • Ihre Stellungnahme gefällt mir sehr gut, v.a. der Vergleich zwischen Taufe und Beschneidung ist sinnvoll und hoffentlich eingängig genug, um diese sinnlose Debatte zu beenden.

        Verfasst von Ruben | 9. August 2012, 18:10

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