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Waldemar

Das Ende journalistischer Hoffnungsträger am Beispiel der Bettina Röhl

Es ist Zeit, Wladimir Putin zu danken. Wie ein Sieb trennt er verlässlich jene, die noch zu den eigenen Werten stehen, von den neuen Russlandfans, deren geheime Sehnsucht wieder die zärtliche Knute melancholischer Kosakengesänge in Form moskowiter Hegemonie fühlen möchte und das im feinsten Neusprech deutsche Interessenpolitik nennen. Täglich trifft man auf Überraschungen unter jenen, die man bis vor Kurzem gern las. Heute entschied die einst geschätzte Bettina Röhl, sich mit einem vermutlich bewusst endlosen Pamphlet (Das Ende der Demokratie am Beispiel der Krim) in der Wirtschaftswoche endgültig zu demaskieren, in dem sie ihr großes Talent dazu benutzte, die Realität ihren Lesern derart zu verdrehen, dass es dem großen Führer im Kreml ein wahres Fest gewesen sein muss. Da sie dabei so gut wie alle Propagandafelder der Putinversteher berührt, lohnt es zum Abschied den Artikel näher zu betrachten.

Die Propaganda der russischen Autokratie hat ein Grundproblem. Die Fakten sind ungemein schlicht. Es gibt ein Grenzgarantieabkommen mit der Ukraine, für das Russland deren Nuklearwaffen bekam, die neue ukrainische Führung hat daran nicht gerüttelt, nicht an der Krimautonomie, nicht am Sewastopolabkommen, nicht an den Rechten von Ukrainern russischer Herkunft. Russland hingegen ist in die Krim einmarschiert, hat eine dortige Marionettenregierung installiert, die ein Referendum unter russischen Waffen und entsprechender martialischer Dauerpropaganda abhielt, mit dem das erwartungsgemäße Ergebnis erreicht wurde, Gerüchten zu Folge in Sewastopol zur Sicherheit mit 123%, so dass nunmehr der Anschluss beschlossen wurde, also exakt das Muster von Adolf in Österreich. Gleichzeitig sind massive russische Armeeverbände hinter der ukrainischen Grenze zusammen gezogen worden, die die jederzeitige Möglichkeit zur Invasion in die Ostukraine bieten. Bereits im Kaukasus hat Russland seit Jahren deutlich gemacht, dass es nur allzugern das einstige Sowjetimperium wieder herstellen will. Also Grund genug aus der Perspektive des abgerüsteten Deutschlands aufzuwachen und die Gefahren zu sehen, aus der Perspektive Polens und des Baltikums eine aufkommende Panik zu verspüren und aus Sicht der NATO ganz oben auf dem Tisch die Frage zu haben, wie kann die Integrität der östlichen Partner garantiert werden und wie setzt man den Akteuren in Moskau verständliche Stoppsignale, bevor sie an deren Grenzen aufmarschieren.

Die Aufgabe der putinschen Propaganda muss also darin liegen, möglichst viele Ablenkungsdiskussionen zu führen, dass den geneigten Lesern die Situation kompliziert vorkommt, sie entweder sagen, was sie am liebsten tun, da kennen wir uns nicht aus und halten uns raus oder gleich anfangen, den Wladi zu verstehen. Röhls Text ist in dieser Hinsicht ein wahres Meisterwerk.

Also beginnt sie mit Chruschtschow und seiner „Schenkung“ der Krim an die Ukraine 1954, geht zurück zu Maria Stuart, den Schotten des Mittelalters und spekuliert über deren heutige Unabhängigkeitsmöglichkeiten, als bestünde irgendein Zusammenhang, die Ukraine wäre ein Kunstgebilde mit wechselnden Grenzen, es kommen ein paar Beispiele, wo sonst in Europa Grenzen sich aufgelöst hätten und überhaupt wären Russland und sein Nachbar Brüder, die sich mal rauften, als könnten Staaten sich raufen, wären nicht Menschen daran beteiligt, die im Zweifel totgeschossen werden. Alles schwierig, kümmert Euch besser nicht drum, das ist die Aussage! Wo waren jetzt das Grenzabkommen, die Krimverträge? Fehlanzeige, aber wer merkt das schon.

Stattdessen fährt sie mit der Litanei von den europäischen Schuldigen fort. Bettina Röhl ist EU Kritikerin, das sind andere auch, aber eine gewisse Kategorie von denen hat daraus eine eher klinische Paranoia entwickelt, nach dem Motto, die Ukrainer wollten näher an die EU, also können wir nur auf der Gegenseite sein, egal wer das ist. Dass die gar nicht scharf auf den Euro waren, sondern nur verzweifelt die EU als Lebensversicherung gegen russische Übernahmewünsche sahen, spielt keine Rolle. In einem so simplen Weltbild kommen dann die finstersten Verschwörungstheorien auf, die besagen, dass erst eine Einmischung der EU zu den Protesten geführt hätte, mithin die Demonstranten auf dem Maidan sich deshalb von Scharfschützen abknallen ließen, weil dunkle Eurokratenmächte sie manipulierten.

Röhl macht nebulöse Andeutungen, echauffiert sich über die Form der Amtsenthebung des Janukowitsch im von seiner Partei beherrschten Parlament, dann bricht es aus ihr raus, das Monstrum EU und seine Nomenklatura hätten mit Gier nach der Krim gegriffen, was schon deshalb ohne Beleg bleibt, weil es barer Unsinn ist, sogar Bettina Röhl ist das klar. Wir wiederholen zur Erinnerung, Russland ist gerade in die Krim, ukrainisches Staatsgebiet, einmarschiert und hat die Annexion verkündet. Noch ein paar wiederum zusammenhangsfreie Ausführungen über Obamas gescheiterte Nahostpolitik und in der Sache völlig falsche Jugoslawienvergleiche, dann hat der Leser so den Faden zur Realität verloren, dass die Autorin zum Höhepunkt kommen kann, zur fassungslos machenden Ode auf die Demokratie, die sie in dem russischen Zwangsreferendum zu sehen meint. „Die gelebte Demokratie, die am vergangenen Sonntag in der Ukraine eindrucksvoll vorgeführt wurde“, die sie mit der freien Entscheidung der Deutschen zur Wiedervereingung vergleicht, angereichert mit höhnischen Ausführungen zur militärischen Schwäche der Ukraine und der wirklich dummdreisten Lüge, dass Putins Russland, das seine Agenten Unruhe in der ganzen Ukraine schüren lässt, nichts mit der Destabilisierung dieses Landes zu tun hätte. Irgendwie ist das schon widerlich, eine durch eine vertragsbrüchige Invasion erzwungene Anschlussabstimmung, die die große Volksgruppe der Krimtataren einer ungewissen Zukunft ausliefert, als demokratische Tat zu feiern. Der Anschluss Österreichs war demnach wohl auch eindrucksvoll vorgeführte gelebte Demokratie.

Über fünf Seiten breitet sich die Autorin aus, auf das niemand mehr wahrnehme, worum es geht. Noch einmal: Grenzgarantie, Vertragsbruch, Invasion, Annexion, während die Ukraine sich an alle Vereinbarungen gehalten hat und eine bedrohliche Truppenkonzentration an der Ostgrenze der Ukraine. Das alles kommt bei ihr nicht vor. Das alles darf nicht vorkommen. Der Schwall von realitätsverdrehenden Nebenaspekten, Unwahrheiten und Verschwörungstheorien soll verdecken, dass nichts von dem, was in der Röhlkolumne geschrieben wurde, zur Bewertung relevant ist, die da heißt, hier vergrößert einer mit Gewalt sein Land, zerteilt seinen Nachbarn und wenn wir ihm nicht deutlich den Einhalt nahe legen, dann hört das nicht mehr auf.

Bettina Röhl baut vor. Sie zieht Vergleiche zur friedlichen Teilung der Tschechoslowakei und fragt sich, ob dies nicht auch der beste Weg für die Ukraine wäre. Das mag er vielleicht eines Tages werden, aber das ist allein Sache der Ukrainer und zur Zeit diskutieren die darüber nicht, denn der russische Nachbar schafft gerade Fakten mit Soldaten. Immerhin wissen wir nun schon, wie Frau Röhl bei einem eventuellen Angriff auf die Ostukraine argumentieren würde.

Glückwunsch Frau Röhl, Wladimir Putin ist sicher stolz auf Sie. Ich hoffe, Ihre Abkehr von einem guten Journalismus, für den Sie einmal standen, hat sich wenigstens gelohnt.

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Auch veröffentlicht als Gastbeitrag bei 99 Thesen.

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Über Waldemar Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

Diskussionen

22 Gedanken zu “Das Ende journalistischer Hoffnungsträger am Beispiel der Bettina Röhl

  1. Es tut mir Leid, aber ein Molotowcocktail werfender Mob (Versuchter Totschlag) ist für mich keine freie Wahl. Und ich habe auch nicht gesehen, dass die Teilnehmer am Referendum mit gezogener Waffe ins Wahllokal gebracht wurden. Die glücklichen Gesichter der danach Feiernden sahen nicht gespielt oder erzwungen aus. Wie das alles nach internationalem Recht zu beurteilen wäre kann ich allerdings nicht sagen, denn das übersteigt meine juristischen Kenntnisse bei Weitem.
    Jede weitere Beurteilung halte ich im Moment für zu früh. Es kommt darauf an, was jetzt geschieht. Ich denke es ist, wie immer, höchste Zeit für Diplomatie. Und zudem würde ich baldmöglichste Wahlen für die Ukraine wünschen, damit eine reguläre demokratisch gewählte Regierung zur Verfügung steht.
    Übrigens… ich weiß auch nicht, warum man die Krim nicht nach Auflösung der SU hat abstimmen lassen. Vielleicht hätten sie einen eigenen Staat gewünscht?
    Aber vielleicht weiß das jemand…?

    Verfasst von yoyojon | 18. März 2014, 20:58
    • Man kann nicht immer einer Meinung sein und von gezogener Waffe war nie die Rede. Allerdings, Bilder von jubelnden Menschen kriegt inzwischen jeder Amateur hin, die Krimtataren und ihre Leidensgeschichte werden schlicht ignoriert, dass sämtliche Medien, die anders hätten berichten können, auf der Krim abgeschaltet waren auch. Aber selbst das ist nicht entscheidend. Natürlich kann es niemals auch nur in die Diskussion gebracht werden, dass ein Referendum nach einer militärischen Invasion, das minutiös, damit auch wirklich nichts schief geht, im Lande des Aggressors geplant und von ihm durchgeführt wird, etwas mit Demokratie zu tun hätte. Dasselbe wie was Du über die Krimabstimmung gesagt hast, hätte auch über das Referendum nach dem deutschen Einmarsch in Österreich gesagt werden können. Zumal auch dort nach heutigen Erkenntnissen, die Bevölkerung vermutlich wirklich mehrheitlich heim ins Reich wollte. Mit Demokratie hatte dennoch die Abstimmung nichts zu tun.
      Mir ist es im übrigen egal, ob die Krim hätte nach der Auflösung der SU hätte abstimmen können. Sie hat es nicht, stattdessen hat es einen Autonomievertrag und ein Sewastopolabkommen gegeben, hat Russland die Grenzen garantiert und dafür die Atomwaffen bekommen. Das ist kalt gebrochen worden. Und das, nur das, ist das Problem. Wenn das akzeptiert wird, kann ich alle Verträge über die Ordnung der osteuropäischen Staatenwelt, die Russlands Unterschrift tragen in die Tonne werfen und warten bis Putins Soldaten an der nächsten Grenze auftauchen, um Russen zu schützen.

      Verfasst von Waldemar Pabst | 18. März 2014, 22:17
      • „hätte auch über das Referendum nach dem deutschen Einmarsch in Österreich gesagt werden können.“ Aber sicher. Die Österreicher waren mit die besten Nazis. Ansonsten ist das Meiste was Du sagst nichts als „könnte“ und „mein Eindruck“ etc. Sicher, kannst Du meinen. Wenn man nicht dort war, weiß man eh nur was die Medien produzieren. Das Problem mit Verträgen und internationalem Recht… Wenn man hingeht und Ghaddafi wie ein Schwein abstechen lässt nachdem man das Land gebombt hat… na ich weiß nicht. Ich fand Ghaddafi zwar eher einen Komiker, vielleicht einen gefährlichen Komiker, weiß nicht… aber so geht das auch nicht usw. Da kann man hinrechnen und herrechnen und noch ein Beispiel finden und noch eins…. Gestern im Café gewesen. Kommt ein Zigeuner und bettelt. Ich geb ihm was. Mach ich immer. Hab ich mir entsprechend überlegt. Frau vom Nachbartisch: „Ich kenne die… die wohnen in Palästen in Rumänien. Hab ich gesehen!!! Von mir kriegen die nix!“ Sie hat wohl nicht gelogen. Weiß ich auch. Der Mann vor mir hatte vielleicht keinen Palast. Er muss den vielleicht finanzieren. Also geb ich ihm was. Vielleicht kann er einen Teil behalten? Da kann man hin- und herdiskutieren. Ewig. Und so finde ich: WENN die große Mehrheit auf der Krim glücklich ist – ich gönne ihnen das. Ich will ihnen da nicht in den Kaffee spucken, eher, mich mit ihnen freuen. Und wenn ich mich nun geirrt habe? Völlig daneben liege? Wie soll ich das wissen. Blosse abstrakte Argumente helfen mir gegenüber der Realität der Menschen nicht weiter. Kann ja sein, dass ich mit Abstand sagen muss, dass ich wirklich wieder mal ein RIND war. Warte ich mal ab… Und da fällt mir noch etwas ein: Überall rennen sie rum und sagen, Israel verletzte Menschenrecht und internationales Recht und was weiß ich. Na schön. Mag ja sein, oder auch nicht. Ich sehe einfach Menschen, die nach dem Versuch sie zu vernichten knapp entkommen sind und jetzt wenigstens in einem Land leben, in dem sie nicht verfolgt sind. Man schaut sie nicht als Juden an, sondern einfach als Leute. Und die Leute arbeiten, haben Familien, gehen schon mal spazieren… Und ich sehe die Juden in aller Welt, die jetzt wissen, dass sie, wenn man wieder versucht, sie zu verfolgen oder zu ermorden, einfach nach Israel gehen können statt um Visa zu bangen, die nie kommen. Also heißt das für mich: ERST KOMMT DIE SICHERHEIT ISRAELS, dann können wir anschließend über alles andere reden. Und so sehe ich die Dinge eher praktisch und vielleicht etwas irrational gefühlsmäßig. Ja, manchmal falle ich so gehörig auf die Schnauze, aber so ist das eben. Jedenfalls kucke ich erst mal auf die Menschen und dann erst auf Legalitäten und was sonst noch alles herumschwirrt. Und vielleicht habe ich ja Recht mit den MENSCHEN auf der Krim und in Russland. Und wenn ich als Deutscher daran denke, was kürzlich dieses, unser Land mit Russland gemacht hat… habe ich auch nicht das Gefühl, ich muss das Maul besonders weit aufreißen. (Dann sagst Du, Stalin hat das auch allein so ähnlich hingekriegt wie der Herr H. Stimmt! Aber das macht nichts besser). Also… so ist im Moment meine Meinung. Wie lange sie hält… ob ich auf die Schnauze falle…? Warten wir das einfach mal ab und kucken.

        Verfasst von yoyojon | 18. März 2014, 23:47
  2. Schade, ist sie doch mehr Ulrike Meinhofs Tochter als ich glaubte.

    Verfasst von aron2201sperber | 18. März 2014, 22:46
  3. Ist Bettina Röhl kewil? 😉

    Im Ernst: Schon so einige andere Kommentare von ihr haben in die Putinversteher-Richtung gedeutet. Das fällt mir Dank Ihrem Artikel nun umso mehr auf.

    Verfasst von American Viewer | 18. März 2014, 22:56
  4. die bundesregierung und die medien haben uns 70 jahre belogen:

    Verfasst von aussteiger | 19. März 2014, 09:04
  5. Putins Siebfunktion – dem kann man nur beipflichten. Was sich während NSA-Affäre^^ und Snowden heraus zu kristallisieren begann, wird nun immer deutlicher. Bettina Röhl beweist immer wieder, dass Dummheit bodenlos sein kann…

    Wie auch ihre Fans, die alle aus einer Ecke zu stammen scheinen, in welcher lautstark „Souveränität“ gefordert wird. Der Antiimperialismus^^ der konservativen Reaktion…

    Verfasst von Nazienkel | 20. März 2014, 16:04
  6. Da können neunmalkluge wie Sie noch so lange analysieren, Sie kommen nicht drauf. Im Gegensatz zu ihnen ist die roehl nämlich in der Lage, zusammenhänge zu erkennen und sachlich zu schlussfolgern.

    Verfasst von Hesse | 21. April 2014, 14:01
  7. ach ja, wenn ich dich schon beklaue (ich habe deine idee des “siebes” übernommen) dann bekommst du auch was geschenkt … wie wär’s mit otto strasser, der seine erste begegnung mit einem linzer quartalsirren schildert.
    womit wir quitt wären und jeder schön brav weiter auf seiner seite des spektrums sitzen bleibt 😉

    Verfasst von hardy | 22. April 2014, 21:15
    • Das ist ja ein überaus spannender Thread. Nicht, dass ich mich noch geehrt fühle. Da ich nur zum Spasse schreibe, ist das Klauen natürlich jederzeit gestattet. Wer hätte das gedacht, mal einer Meinung zu sein. Da ich, was Sie kaum glauben werden, durchaus auch sehr weit andersdenkende linke Freunde bei Fb. habe, kann ich Ihnen versichern, es geht Ihnen nicht allein so, sich mit Leuten auf der eigenen Seite herum schlagen zu müssen, die Sie nicht mehr verstehen. Deutschland ist ein höchst seltsames Land. Erfreuen Sie sich also daran, dass ich meine neodeutschnationalen Rechten unbegreiflich finde und mittlerweile tief verachte.

      Danke für den Strasser übrigens, war sehr amüsant. Pabst auf den Kapp Putsch zu reduzieren ist natürlich auch fiese. Das war nicht nur eine besonders dumme Idee, vielmehr war ihm das schon klar, bevor es losging, seine Rolle dabei war eher wenig heldenhaft und zeugte von mangelnder Überzeugung, bei Gietinger nachlesbar. Den zu ihm geschickten bayrischen Agitator mit den Worten „so wie Sie aussehen und reden, lache die Leute Sie aus“, abgefertigt zu haben, war dabei sicher seine beste Aktion. Um Sie zu beruhigen, den Kapp Putsch halte ich für den historischen Fehler der deutschen Rechten und den ersten Sargnagel der Republik aber auch der Rechten selbst. Aber das nur am Rande.

      Gruß an Klaus Jarchow.

      Verfasst von Waldemar Pabst | 23. April 2014, 00:00
      • [..] was Sie kaum glauben werden,
        ich sag’ mal so: wenn ich das opfer meiner vorurteile wäre, wäre ich hier nicht reingeschneit und hätte schon vor allem keinen gedanken geklaut, wenn doch die gedanken der anderen, wie man mich gewarnt hat, ansteckend sind 😉
        ich denke, sie sind es nur dann, wenn man nur glaubt, zu wissen, was der andere denkt und sich der kenntnis der lebensgeschichten eines ernst von salomon oder eines richard scheringer, um nur mal zwei zu nennen, verweigert: mir ist bewusst, daß menschen in der analyse der welt zu sehr unterschiedlichen ergebnissen kommen können und man auch, wenn man die analyse des anderen ganz und gar nicht teilt, doch zumindest den versuch machen sollte, sich selbst zu fragen “wie kommt der denn bitteschön jetzt darauf?” und dabei nicht übersieht, daß der andere sich ja auch für einen von den “guten” hält und hinter seiner sicht nicht per se eine nur unterstellte boshaftigkeit steht.
        ich kann also die motive ihrer “helden” in zeit und raum ganz gut verorten und auch wenn ich – aus der gemütlichen jetztzeit samt der hinter uns liegenden erfahrungen heraus – natürlich keine sympathie für sie hege, muss ich mich doch fragen, wie ich mich selbst in jenen fernen tagen positioniert hätte, wenn ich mit dem, was _damals_ war, konfrontiert gewesen wäre und ob ich nicht auch einen plötzlichen hang dazu gehabt hätte, mich selbst zum “helden” dadurch zu machen, daß ich eine agenda überhöhe, die heute als ziemlich “unzeitgemäß” gelten sollte.
        wir leben nun mal nicht in tagen, in denen man noch ernsthaft an “heldentum” einen gedanken verschwenden sollte, weil des einen “heldentum” des anderen “verbrechen” ist …
        [..] kapp & co
        ich mache mal gerade reklame für mein thule refereat aus den frühen 80ern
        https://archive.org/details/BevorHitlerKam
        das vielleicht meinen stand deutlicher macht: für mich ist das ns-system keine politische bewegung sondern eine okkulte religion und ich denke, daß ich die faszination ganz gut verstehe, die einen dazu bringt, an eine wirklichkeit jenseits des wohldefinierten gesellschaftlichen konsenses glauben zu wollen und daß man sich dabei ganz gut fühlen kann, zu glauben, man verstünde mehr als der “dumme durchschnittsmensch”.
        was ja nur funktioniert, wenn man bereit ist, die konsequenzen dieses denkens auszublenden: am ende verblutet der eigenen onkel vor stalingrad, man hat sich selbst für die projektionen anderer “geopfert” oder eben leichenberge in lagern hinterlassen, wie “wohl” man das immer auch gemeint haben mag.
        [..] Um Sie zu beruhigen
        keine panik, mich muss man nicht beruhigen, hier sitzt niemand, dem man erst mal lang und breit das differenzierte betrachten der geschichte beibringen müsste 😉

        Verfasst von hardy | 23. April 2014, 18:15
      • Merci. Ich schreib heute Abend noch was dazu. Per Handy während Sohnchens Fußballtraining ist es zu anstrengend.

        Verfasst von Waldemar Pabst | 23. April 2014, 18:30
      • Ich gebe durchaus zu, dass mich das Hereinschneien sehr gefreut hat. Ich mag offenes Denken. Und ich mag zweifelhafte Charaktere, in denen ziemlich viele Grautöne vorhanden sind. Ihr Thule Referat hätte ich gern gelesen, allein der Link gab mir nur die Angaben dazu. Das mit der okkulten Religion stimmt sicher, es ist eine ganzes Menschenbild, dass von allem, was sich zivilisationsgeschichtlich entwickelt hat, völlig abweicht, statt des Individuums den reinzuhaltenden Volksörper zum Subjekt macht, der mit anderen Volkskörpern in Konkurrenz steht, was zu einem geschlossenem Weltbild führt und wiederum alle Verbrechen der Nazis erklärt und zu erforderlichem Bestandteil des politischen Handelns macht. Der Nationalsozialismus ist weder links noch rechts, sondern etwas mit nichts sonstigem Vergleichbares, die Singularität des Bösen ist schon der Weltanschauung immanent, wir sind uns da, glaube ich, recht nahe. Deshalb allerdings lehne ich auch den Begriff Faschismus für die Nazis entschieden ab.

        Was ich an meinem „Helden“ schätze, ist, dass er darauf nie reingefallen ist, der war immer ein höchst nüchterner Reaktionär. Man muss ihm lassen, in einer Zeit, da die deutsche Rechte reihenweise zu den Nazis überlief, auch fast alle dabei, die später für den Widerstand ihr Leben gaben, hat Hitler Pabst den Posten einen politischen Leiters der NSDAP angeboten, was dieser freundlich, aber bestimmt ablehnte. Da hätten sich ganz andere alle 10 Finger nach geleckt. Ich will jetzt nicht den Dunkelmann zum Helden machen, da täte ich ihm Unrecht, aber für diese Art Finsterlinge habe ich eben eine Schwäche. Gietinger und seine Hassliebe zu Pabst sind schuld, der hat mir seine eigene Faszination weitergegeben.

        Wer einmal in ein soziales Netzwerk geht, weil seine Geliebte ihn verlassen hat und aus dieser Stimmung heraus einen besonders düsteren Namen sucht, mit dem ihn die Gattin nicht findet und nie auf die Idee gekommen wäre, mal politische Blogs zu schreiben, der muss eben dazu stehen, wenn er es doch anfängt 😉

        Schönen Donnerstag, ich hoffe sie jetzt nicht schrecklich enttäuscht zu haben.

        Verfasst von Waldemar Pabst | 24. April 2014, 21:06
  8. im saarländischen gibt’s das wort “graadseläätz”, nur schwach zu übersetzen mit “jetzt erst recht! und wenn’s dir nicht passt, leck mich am arsch!” – wenn also bei mir mich jemand davor warnt, daß “mein freund” klaus jetzt seine freunde im rechtsradikalen milieu sucht, dann bin ich trotzig genug, einfach mal nachzugucken, ein bißchen zu lesen und dabei nicht von minute eins ein urteil im kopf zu haben.
    das thule referat gibt’s natürlich auch auf meinem blog, da habe ich es erst sehr spät neben ein paar sachen meines großvaters (christlicher gewerkschaftler, vitus heller bewegung, wegen seines “heim ins reich aber nicht gleich” im kampf um die saar kurz nach dem einmarsch der deutschen für einige zeit im kz, das nur um die ausgangslage zu klären) unter aus den archiven gepostet
    http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2014/02/aus-den-archiven-thule-01.html
    http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2014/02/aus-den-archiven-thule-02.html
    was den faschismus betrifft, naja, der quartalsirre aus linz hat sich da als kind seiner zeit sicher eine menge beim duce abgeguckt, und man könnte viel zeit damit verbringen, hier definitionsspielchen zu betreiben: am ende ist – auch wenn das ns-system im grunde die privatrelion des irren war, die er sich aus heftchen a la ostara zusammengebastelt hat – nicht von der hand zu weisen, daß systeme, die darauf beruhen, eine einigkeit dadurch zu erzielen, daß man andere ausgrenzt, stigmatisiert und verfolgt, immer genau daran kranken, daß sie am ende zerbrechen müssen, weil die welt halt nicht so funktioniert. es ist ja nicht die gleichheit des anderen, die uns bereichert, sondern eben seine andersartigkeit 😉
    [..] nicht den Dunkelmann zum Helden machen
    zumal er in denkschemata verhaftet waren, die man heute wohl eher als unzeitgemäß betrachten würde. es mag einen romantisch ankommen den don quichotte zu machen, in alten ritterromanen zu stöbern um anschließend gegen windmühlen anzulaufen (ein kleines spiel mit meinem blognamen) – aber das existiert ja nur in der vrostellung. einen wie waldemar würde man heute zurecht als aus der zeit gefallenes fossil mit fehlgeleiteten vorstellungen in eine ecke stellen, wo er nicht mehr viel schaden anrichten könnte. aber, das war ja mein punkt: er ist wie andere auch kind seiner zeit und mich stört – denke ich mal – mehr diese haltung des jetztmenschen, der es besser weiss und “nie und nimmer”. manch einer, der sich heute qua gnade der späten geburt für einen linken halten darf, hätte seinerzeit vielleicht auch nur einen guten hj-burschen abgegeben.
    das ist alles nur eine frage, wohin uns die zeit und die sozialisierung verschlägt. bei mir eben in das erbe eines christlichen gewerkschaftlers, der viele kluge gründe hatte, den linzer für einen teufel zu halten.
    [..] geliebte
    ich hab’ mich ein bißchen reingelesen, bin aber natürlich überfordert. das dürfte anderen mit meinen notizen aus einer zeit, in der es mich auch mal gründlichst erschüttert hat, auch so gehen, deshalb bleiben sie in der familie und ob aus meiner reaktion für andere was zu lernen ist, weiss ich nicht: ich habe die entsprechende person, meine erste gattin, aus meinem universum verbannt und habe in der folge mein “jagdschema” verändert. ergebnis: ich bin gerade 14 jahre verheitatet, 15 jahre zusammen und habe an einem ort was gefunden, was ich noch nicht einmal gesucht hatte 😉
    internetbeziehungen (meine erste datiert auf das ende der 90er) haben so was verdammt verführerisches, weil man auf das wort reduziert ist (ich bin nicht so der telefonierer oder chatter) und der andere ja im eigenen kopf entsteht, man fühlt sich so viel sicherer, weil man glaubt den anderen besser zu kennen. aber man kennt ja nur die seite, die der andere einem zeigt …
    grüße aus der garage

    Verfasst von hardy | 24. April 2014, 23:07
    • Also herzlichen Dank für diese spannende Unterhaltung, man findet oft interessante Gesprächspartner, wo man sie gar nicht vermutet, das gefällt mir immer. Ich werde mich am Wochenende in Ruhe dem Thulereferat dann widmen. Meine groteske Liebesgeschichte sollte auch nur illustrieren, wie man auch zum Waldemar Pabst werden kann.

      Verfasst von Waldemar Pabst | 26. April 2014, 00:49
      • [..] groteske Liebesgeschichte

        ich denke, die meisten lebensgeschichten verlaufen grotest, denke ich mal.

        die wenigsten davon werden erzählt 😉

        Verfasst von hardy | 28. April 2014, 02:29

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