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Waldemar

Griff in die Geschichte. Episoden eines Schreckensendes in drei Wochen.

Montag, 16. April 1945

Am Montag, dem 16. April 1945 begann die 1. Weissrussische Front unter dem Schlächter seiner Soldaten, Schukow, aus dem Oderbrückenkopf unterhalb der Seelower Höhen die Schlussoffensive des Krieges. Noch einmal wird sich ein grauenvolles Gemetzel entwickeln. Der größte Artilleriebeschuss der Weltgeschichte bleibt wirkungslos, weil die Deutschen ihre Stellungen in genau dieser Erwartung nach hinten verlegt hatten, als die Rotarmisten vorgingen, gerieten sie ins Feuer und hatten furchtbare Verluste. Zehntausende russische Soldaten werden den Sieg vor Augen fallen, drei Tage halten sich die Deutschen, drei Tage fällt dem sowjetischen Oberbefehlshaber nichts anderes ein, als immer neue Soldaten zu opfern, um die Deutschen zu erschöpfen.

Tatsächlich war der Kampf für beide Seiten sinnlos, denn am selben Tage war bereits südlich von Cottbus die 1. Ukrainische Front unter dem Marschall Konew über die Oder durch die deutschen Linien gestoßen und hatte am 17. April von Stalin die Erlaubnis erhalten, nach Berlin vorzustoßen. Schukow führte seine Schlacht nur deshalb weiter, um dem hochbefähigten Konew nicht Berlin überlassen zu müssen.

Als sich die Deutschen zurückzogen, schlossen sich die Zangen der Sowjets um Berlin. Es begann das Finale des von den Deutschen über Europa gebrachten Vernichtungskrieges. Auf sie schlug zurück, was von ihnen allein ausgegangen war. Jeder vergewaltigten Frau in Berlin standen Dutzende gegenüber, die von den Deutschen missbraucht, versklavt, erschlagen, vergast, abgeschlachtet, aufgehängt, durch Minenfelder gejagt oder dem Hunger- und Kältetod ausgeliefert wurden.

Genau drei Wochen nach diesem Montag wird Alfred Jodl in den ersten Morgenstunden in Reims die Kapitulation unterzeichnen. Die allerletzte Schlacht schlug Konew, bei Halbe vernichtete er 2/3 der 9. deutschen Armee. Mehrere Hunderttausend Menschen sterben noch in jenen 21 Tagen. Die meisten von ihnen Soldaten der Roten Armee.

Sonntag, 22. April 1945

Ins öffentliche Bewusstsein ist der Tag durch eine Filmszene gedrungen, in der Bruno Ganz alias Hitler mit der Lesebrille spielt und „das war ein Befehl“ brüllt, weil der SS General Steiner es unterlassen hatte, mit seinen 10.000 Mann eineinhalb Millionen Russen einzukesseln. Tatsächlich hat Hitler wohl bei dieser Besprechung kurzzeitig aufgegeben und einer Reihe seiner Speichellecker ermöglicht, sich abzusetzen.

Wirklich grotesk sind aber die Geschehnisse dieses Tages, die sich im SS Sanatorium Hohenlychen abspielen. Heinrich Himmler nämlich hatte durchaus die Absicht, den Krieg zu überleben. Bereits seit 1943 sinnierte er darüber, wie er das anstellen könnte, er, der leibhaftige Exekutor des Judenmordes. Himmler, grundfeige wie er war, agierte zögerlich, er sprach mit Randfiguren des konservativen Widerstandes, sorgte aber auch dafür, dass diese nach dem Scheitern des 20. Juli schnell ermordet wurden, er versuchte über das Komitee für Hilfe und Rettung der Juden in Budapest durch Mittelsmänner Kontakt zu den Westalliierten zu bekommen, nicht nur, um das offizielle widerwärtige Lastwagen gegen Juden Geschäft vorzuschlagen, sondern auch, um zu signalisieren, dass er zu wesentlich weiter gehenden Dingen bereit wäre, er nutzte die ungarischen Juden als Geiseln, während er sie gleichzeitig zu seines Führers Freude im entsetzlichen letzten und größten Akt der Shoah in Auschwitz ermorden ließ. Viel zu viel Angst vor Hitler hatte er, tatsächlich das Töten auch nur zu unterbrechen. Natürlich waren seine Bemühungen erfolglos, lediglich Rudolf Kasztner vom Rettungskomitee und einige andere versuchten, sein Spiel zum Schein mitzuspielen und retteten über 1000 Menschen inmitten des hunderttausendfachen Sterbens das Leben. Ein Kapitel für sich, dass hier nur sehr kurz angerissen werden soll.

Himmler versprach, als der Krieg sich zum Ende neigte, die KZ ohne weitere Tötungen zu übergeben, nichts davon hielt er ein, die Westalliierten wussten zu jedem Zeitpunkt, mit wem sie es zu tun hatten, mit dem schlimmsten Abschaum, den das Menschengeschlecht hervorzubringen vermochte. Die jeden Ansatz eines Realitätsbezugs ausblendende Hybris des völkischen Esoterikers, der mit Überzeugung und allem organisatorischen Können daran gegangen war, 11 Millionen Menschen zu ermorden, von denen er am Ende sechs Millionen auf dem Gewissen hatte, vom Neugeborenen bis zum Greis, brachte Himmler dazu, mehr noch als sein erbärmliches Leben mit den letzten Überlebenden erkaufen zu wollen, seine Vorstellung war es, der Staatsführer Deutschlands in Übereinstimmung mit den westlichen Mächten zu werden.

Nun endlich, da er Hitler von den Russen eingeschlossen wusste, traute er sich, das auch auszusprechen. Kein Filmemacher kann sich ausdenken, dass er am 19. April mit einem der letzten dort landenden Flugzeuge Norbert Masur, als Unterhändler des Jüdischen Weltkongresses über Tempelhof einfliegen ließ, den er nach der Abreise aus Berlin von seines Führers Geburtstag trifft, um ihm einen Frieden zwischen der SS und den Juden vorzuschlagen, was dieser höflich als etwas spät zurückweist und dafür einen letzten Deal einzufädeln beginnt, der dem schwedischen Roten Kreuz ermöglichen wird, tausende Menschen aus den KZ, vorzugsweise Ravensbrück zu holen und nach Schweden zu verbringen. Abgeschlossen wird dieses Geschäft am nächsten Tag, jenem 22. April, in Hohenlychen mit Graf Folke Bernadotte, dem Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, der daraufhin mehr als 10.000 meist skandinavische KZ Gefangene abholen kann, nur ein Teil von ihnen sind Juden, die Auswahl der Befreiten bleibt in der Geschichtswissenschaft strittig. Bernadottes Gegenleistung besteht darin, dem alliierten Oberkommando Himmlers Bereitschaft zu einer Teilkapitulation gegenüber dem Westen bei Fortsetzung des Krieges gegen die Sowjetunion zu überbringen. Ein absurder Gedanke eines Mannes, der nicht einmal über das geringste Mandat dafür verfügt.

Nach einem zweiten Treffen an den Folgetagen in Lübeck überbringt Bernadotte das “Angebot”, es wird im englischen Radio veröffentlicht und zurückgewiesen, der Führer im Bunker bekommt seinen letzten Tobsuchtsanfall. Dönitz hat andere Sorgen, als Hitlers Hinrichtungsbefehl umzusetzen, Himmler entkommt seinen eigenen Schergen, um nach einer kurzen Flucht den Engländern in die Hände zu fallen, wo er die Zyankalikapsel zerbeißt. Irgendwo in der Lüneburger Heide hat man ihn vergraben. Das Ende eines Monsters, für dessen treffende Beschreibung sich keine sprachliche Möglichkeit findet.

Donnerstag, 26. April 1945, die Schlacht am Kiekeberg

Die britischen Truppen rückten von Süden auf Hamburg zu. Am 15. April hatten sie Bergen-Belsen befreit, ihre Sicht auf Deutschland und die Deutschen war nachhaltig geprägt. Sie gingen methodisch voran, keinesfalls wollten sie eine Straßenschlacht in den Ruinen Hamburgs, wie sie die Russen mit furchtbaren Verlusten zur selben Zeit in Berlin führten. Die Führung in Hamburg hatten der Kampfkommandant General Wolz und der Gauleiter Kaufmann, einer der frühen engen Mitkämpfer Hitlers schon seit den 20er Jahren. Wolz wollte ein Blutbad vermeiden, Kaufmann hatte die selbe Idee wie der Reichsführer SS, er wollte heil aus dem Krieg aussteigen; als der Mann, der Hamburg vor der totalen Vernichtung bewahrt, so dachte er, könnte er, dessen Hände im Blut seiner Opfer gebadet hatten, sein Entrée in die Nachkriegszeit bekommen. Damit hatten Wolz und Kaufmann dasselbe Ziel und irgendwann in jener Zeit werden sie sich einander offenbart haben.

Gefährlich für sie war das Bunkergespenst in Berlin, aber auch der militärische Vorgesetzte in Norddeutschland, der notorisch unfähige Nazifeldmarschall Busch und das sich bildende Führungszentrum um Dönitz, die den Führerbefehl, bis zum letzten Mann zu kämpfen, wortwörtlich umzusetzen beabsichtigten. Wolz, der sich darum den Ruf eines starken Mannes machen wollte, damit niemand auf die Idee käme, ihn abzusetzen, verfiel auf einen ebenso perfiden wie perversen Plan. Nachdem die Engländer die Ortschaft Vahrendorf, südlich von Harburg, nahe dem Kiekeberg gelegen, wo heute Freilichtmuseum und Wildpark die Menschen erfreuen, erobert hatten, gab Wolz den Befehl zur Rückeroberung. Zum Einsatz kamen aus einem Wehrertüchtigungslager in die Wehrmacht übernommene Hitlerjungen zwischen 15 und vielleicht 17. Sie stürmten das Dorf, die erbosten Briten eroberten es zurück, 48 von ihnen fielen noch als halbes Kind, etwa ebenso groß sollen die Verluste der Sieger gewesen sein, tapfere Soldaten der Wüstenratten, die Jahre gekämpft hatten, Afrika und Europa von den Deutschen zu befreien und nun so wenige Tage vor dem Ende einen sinnlosen Tod sterben mussten. So lustig der Begriff der Schlacht am Kiekeberg erscheinen mag, es war ein grausames Verbrechen, das Wolz zu verantworten hatte. Es ist fast 40 Jahre her, dass ich einmal für die Junge Union eine Rallye organisiert habe, bei dem der Zufall mich auf den kleinen Friedhof führte, wo die Jungen begraben waren, ich damals staunend und entsetzt ihr Alter errechnete. Es ist mir im Gedächtnis geblieben.

Wolz hatte damit Erfolg, Kaufmann allerdings noch ein zweites Problem. Es lag im dörflichen Teil Hamburgs, in den Vierlanden und hieß Neuengamme, ein Konzentrationslager in der Größenordnung von Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Kaufmann wusste, welchen Eindruck der Anblick von Buchenwald und Belsen auf die Alliierten gemacht hatte, er kannte die Bilder und er hatte noch am 20. April mehr als 10.000 im Lager. Ein besenreines völlig leeres ehemaliges KZ zum Übergeben an die Engländer war das nicht. Aber auch Kaufmann war kreativ und völlig skrupellos. Während gefährliche Zeugen, wie die für Menschenversuche benutzten Kinder vom Bullenhuser Damm gnadenlos erhängt wurden, ließ der Gauleiter die gesamten noch verbliebenen Insassen nach Lübeck verbringen. Wie alle großen Nazis hatte er einen wohlklingenden Nebentitel, er war Reichskommissar für die Seefahrt. Als solcher konnte er in der Lübecker Bucht liegende Schiffe beschlagnahmen und mit seinen überflüssig gewordenen Gefangenen füllen. Nachdem die ersten auf den Frachtern Thielbek und Athen zusammengepfercht wurden, verluden die SS Bestien die Masse, 7000 halbverhungerte, zu Tode erschöpfte, jahrelang gequälte Menschen, am 26. April auf ein nicht mehr fahrtüchtiges riesiges Passagierschiff, dessen Kapitän man die Erschießung androhte, sollte er sich verweigern. Es hieß Cap Arcona.

Jahrzehnte nach dem Krieg wurde darüber gerätselt, weshalb die schwimmenden KZ vor Neustadt dümpelten, wilde Theorien über eine Selbstversenkung der SS oder Himmlers letzten Verkauf seiner Geiseln nach Skandinavien machten immer wieder die Runde. Heinz Schön, der Chronist der Schrecken auf der Ostsee im Jahre 45 lüftete in den 80er Jahren die simple Wahrheit. Karl Kaufmann wollte ein angesehenes Leben “danach” führen.

Montag, 30. April 1945

Während der primitive Mann an der Spitze, wie Peter Bamm in der mir immer gegenwärtigen Geschichte von der unsichtbaren Flagge ihn nannte, sich nach dem Kaffeetrinken samt frisch angetrauter Gattin selbst entleibt, formieren sich die noch lebenden Soldaten beider Seiten zum letzten wilden Töten.

In Berlin sind es die Russen. Der Woschd im Kreml hat entschieden, zum roten Feiertag soll Berlin in seiner Hand sein, es ist unwichtig, wie viele seiner tapferen Rotarmisten dafür krepieren werden, wo längst alles gewonnen ist. Seine Wunschtrophäe ist aus unerfindlichen Gründen nicht der Bunker, vor dessen Tür sich die benzingetränkten Leichen im Feuer auflösen, sondern die Ruine des dem Diktator verhassten Reichstages, in dem Versprengte, Hitlerjungen und Franzosen der SS Division Charlemagne verschanzt sind, die nichts mehr zu verlieren haben. Man bräuchte nur abzuwarten, Berlin ist am Ende. Aber Stalin will die Beute und den Triumph unbedingt am 1. Mai, Schukow soll ihm dafür bürgen, zum Nachdruck erlaubt er Konew wieder, in Berlin vorzustoßen, seine Kämpfer haben dafür zu sterben. Heute noch feiert man in Russland diesen Akt des Wahnsinns.

In den Wäldern um das Städtchen Halbe beginnt der Vorstoß der Trümmer der 9. Armee des Generals Busse, zwischen Schukows und Konews Fronten eingeschlossen, wilde Haufen von Flüchtlingen schießen sich ihnen an. Es sind etwa 90.000 Mann. In den Tagen zuvor ist die 12. Armee unter General Wenck von Westen kommend, nachdem sie die Verteidigungslinie gegen die Amerikaner an der Elbe aufgegeben hat, überraschend in die russischen Positionen vorgestoßen. Nie hatte sie die Absicht, Berlin zu entsetzen, ihr Ziel war die Verbindung zur 9. Armee. Doch nun liegt sie fest, Busse muss den Rest allein schaffen. Selbst jetzt hat er Bedenken, gegen den Befehl seines Führers zu handeln, nicht aber seine Männer zu opfern. Wenck drängt, er entschließt sich. Sein Ausbruch gegen Konews entschlossene, zehnfach überlegene Heeresgruppe endet wenige Tage später im Gemetzel. 30.000 kommen durch, aber 30.000 sterben, 30.000 geraten auch so in Gefangenschaft. Busse selbst überquert die Elbe und im Gegensatz zu Wenck übergibt er nicht seine überlebenden Soldaten den Amerikanern, sondern taucht unter und geht wortwörtlich schlicht nach Hause, die Leichen seiner Männer hinter sich lassend, nach Süddeutschland zu seiner Familie. Da wird er dann hopp genommen.

Schon Tage davor lösen sich die Autoritätsstrukturen auf. In Vorpommern fluten die Reste der Heeresgruppe Weichsel zurück, Keitel trifft bei Neubrandenburg den OB Heinrici, beschwört ihn, Widerstand zu leisten, für den Führer, fordert ihn unmissverständlich auf, die fliehenden Truppen mit Standgerichten aufzuhalten, zu erschießen. In jenem Moment tauchen ungeordnete Soldaten auf, die nach Westen streben. Heinrici zieht seine Pistole, hält sie Keitel hin und sagt nur, sie können ja schon mal damit anfangen. Keitel zieht ab. Ungeordnete Flucht und Massaker sind die letzten Zuckungen des Krieges. Die Amerikaner haben Nürnberg erobert und ziehen in Richtung der Alpen. Sie glauben noch, dort wäre die letzte Festung der Nazis. Hinter ihnen liegt das am Vortag eingenommene Dachau und ein Entsetzen, das nicht beschreibbar ist. Und ein kurzer Moment, in dem mit den SS Mördern abgerechnet wurde.

Dienstag, 01. Mai 1945

Der 1. Mai 1941 ist ein strahlender Tag in Moskau. Die vielleicht größte Militärparade aller Zeiten nimmt ihren Lauf. Marschall Timoschenko auf dem weißen Roß nimmt sie ab, mit Handschlag hat er die anwesenden Deutschen zuvor begrüßt. Einer von jenen ist der Oberst Hans Krebs, Gehilfe des Militärattaches Köstring. Er soll bei der Parade den sowjetischen Militärattache in China kurz kennen gelernt haben, einen grobschlächtigen General mit dem Namen Wassili Iwanowitsch Tschuikow, er wird diesen später daran zu erinnern versuchen. Als wenige Tage danach Stalin den japanischen Außenminister Matsuoka zum Zug bringt, wendet er sich zu Krebs, klopft ihm auf den Rücken schüttelt die Hand und verkündet lauthalts, wir wollen gute Freunde bleiben, nicht wahr?

Auf den Tag genau vier Jahre nach seiner ersten Begegnung mit Tschuikow sitzt Krebs diesem gegenüber. Es ist eine beschlagnahmte Wohnung am Schulenburgring in Tempelhof, in den ersten Morgenstunden. Tschuikow hat einen weiten Weg zurück gelegt, er ist zu einer herausragenden Figur des sowjetischen Sieges aufgestiegen. Im September 1942 hat er die 62. Armee übernommen und mit ungeheurer Entschlossenheit sich bis zum Ende der Schlacht gegen die Deutschen in Stalingrad gehalten, ihre Eroberung der Stadt verzögert, ihre Kräfte verschlissen, bis Wassilewskis Plan aufging und die 6. Armee eingekesselt wurde. Tschuikows Verluste sind ungezählt, der Preis seines Triumphes ist eine unmenschliche Brutalität den eigenen Soldaten gegenüber, er erschießt selber Offiziere, um sich Respekt zu verschaffen. Niemand symbolisiert den Sieg an der Wolga, die optische Kriegswende so sehr, wie dieser Mann. Er schickt seine jetzt berühmte Armee durch blutigste Schlachten in den folgenden zwei Jahre bis Berlin. In jener Wohnung hat er Quartier genommen. Auch Krebs hat Karriere gemacht, ganz anders, er ist immer der subalterne Gehilfe ohne Eigenschaften geblieben, ein Stabsoffizier, der einfach von einer Position als Stabschef zur anderen aufstieg, ohne aufzufallen, ohne je die Fähigkeit zu erlangen, selbstständig denken zu wollen. Als Hitler Guderian als Generalstabchef des Heeres rauswirft, wird Krebs mit der Amtsführung beauftragt. Zu führen hat er im Grunde nichts mehr. Ihm fällt es zu, die Hauptperson einer letzten Groteske zu werden.

Joseph Goebbels hat lange schmerzliche Jahre darum gerungen, in Hitlers engstes Umfeld aufzurücken. Erst seit dem 20. Juli gelangt er langsam dahin, seine Entscheidung, das Ende an Hitlers Seite zu erleben, bringt ihn ans Ziel. Am 1. Mai 1945 ist er Reichskanzler, Dönitz weiß noch nichts davon, dass ihm der primitive Mann an der Spitze den Präsidententitel vererbt hat, da ist es für den rheinischen Rhetoriker nur ein kleiner Wermutstropfen, dass sein Reich gerade aus ein paar Straßenzügen um die Wilhelmsstraße herum besteht. Reichskanzler Goebbels hat eine Idee. Er will Stalin einen Frieden anbieten und mit ihm zusammen Deutschlands Zukunft gestalten. Die erste Maßnahme des Angebots soll darin bestehen, dass die Sowjets ihn aus Berlin zu Dönitz lassen, damit er den auf Linie bringen könne. Hans Krebs, der russisch spricht, ist dazu ausersehen, diesen jeder Beschreibung spottenden Unfug als Parlamentär dem russischen Oberkommando vorzulegen. So gelangt er in Tschuikows Wohnzimmer, den er als ersten von Hitlers Ableben informiert. Tschuikow fragt sein Gegenüber nur kurz, ob er nicht meine, dass es etwas spät für solche Verhandlungen wäre, meldet das Geschehen Schukow, der Stalin unterrichtet. Nach ein paar Stunden verlässt Krebs unverrichteter Dinge den Schulenburgring, natürlich hat er nur zur Antwort bekommen, dass die bedingungslose Gesamtkapitulation die einzige Option wäre. Als er geht, zögert er, als wolle er erwägen, sich in Gefangenschaft zu begeben, Tschuikow tut er da, nach dessen Aussagen, fast leid. Krebs kehrt in den Bunker zurück, lässt sich von Bormann beschimpfen, leert mehrere Flaschen mit Rommels Mörder Burgdorf und erschießt sich mit dem Saufkumpanen. Goebbels lässt die Ehefrau die Kinder vergiften, erklärt dem Telefonisten, er würde ihn nicht mehr brauchen und könne nun gehen, bevor er sich auf den Weg in die Hölle begibt.

General Weidling, Kommandant von Berlin kapituliert am Folgetag. Die Einnahme der Stadt zum ersten Mai ist Stalin missglückt. Dabei war das Datum gänzlich unwichtig, hinterher hat es keinen Menschen mehr interessiert, außer jenen, die nur um des Tages willen gefallen waren, keinen Sieg, kein Kriegsende mehr feiern konnten und die Ihren, soweit sie noch lebten, nie wieder gesehen haben.

Mittwoch, 2. Mai 1945

Deutschland ist durchschnitten. Die Tschechoslowakei, das südliche Bayern und Teile Österreichs bilden den Süden. Die Furcht vor einer Alpenfestung erlaubt einem der SS Scheusale, sein Überleben zu sichern. Sein Name ist Karl Wolff, Obergruppenführer der SS, bevollmächtigter General der Wehrmacht in Italien. Das war er nicht immer. Ein paar Jahre zuvor war er Chef des persönlichen Stabes Himmlers und setze sich energisch und erfolgreich dafür ein, während der Schlacht um Stalingrad die durch die Wehrmacht schon überbeanspruchte Bahn dazu zu bewegen, die kurzzeitig eingestellten Judentransporte in den Erstickungstod von Treblinka wieder in Gang zu bringen. Sein von widerlichem Zynismus triefendes Dankesschreiben an den Staatssekretär Ganzenmüller hat Jahrzehnte später einige Bekanntheit erreicht. In Italien aber leitet er die Kapitulation ein, die am 2. Mai in Kraft tritt. Er konspiriert mit den Amerikanern, die glauben, damit einen kampflosen Weg in die nicht existente Alpenfestung auftun zu können. Wolff kommt da gerade recht. Er wird von ihnen nie angeklagt, in Nürnberg ist er nur Zeuge. Erst in den 60er Jahren führt seine Treblinkakorrespondenz ihn vor Gericht, nur vier Jahre sitzt er für das Sterben Zehntausender, danach lebt er wohlhabend weiter, gut vernetzt im Umfeld der Zeitschrift Stern und ihres Verlegers. Erst mit den Hitlertagebüchern, denen er seinen Segen gibt, schwindet sein Einfluss.

Auch andere beginnen an diesem Tag ein neues Leben. Es sind die Raketenforscher um Wernher von Braun. Sie haben sich den Amerikaner übergeben, die sie gleich in die USA bringen, sie werden Neil Armstrong auf den Mond bringen, ihr Preis ist es, dass keiner ihnen je Fragen zu Dora Mittelbau stellen wird.

Das Gewicht der Entscheidungen aber verlagert sich nach Norddeutschland. Die nördlichen Niederlande, Schleswig Holstein, Hamburg, Dänemark und Norwegen sind noch in den Händen der Deutschen. Hier beginnt der Weg zur Kapitulation. Nach schwierigen, da heimlich geführten Verhandlungen, die einige Tage zuvor im Gasthaus Hoheluft in Buchholz begannen, kapituliert Hamburg am 2. Mai. General Wolz unterschreibt, irrtümlich sind die Plakate, die die Übergabe der Bevölkerung anzeigen, bereits ausgehängt, die Furcht von Kommandant und Gauleiter ist grundlos, Dönitz, der seinen geliebten Führer nun beerbt hat, der noch an den Vortagen Wolz ablösen wollte und den Kampf bis zur letzten Patrone forderte, hat begriffen, dass seine Rolle nur noch die Abwicklung Deutschlands beinhaltet. Er dreht sich um 180°, bittet Wolz, den Kontakt zu nutzen, um eine eigene Delegation zu Montgomery zu bringen, damit sie über die Kapitulation verhandeln könne. Generaladmiral von Friedeburg, sein Nachfolger als Marine OB soll sie leiten. Wolz öffnet ihnen den Weg. Am Abend des nächsten Tages werden die Briten in die Innenstadt von Hamburg einrücken, am darauffolgenden Morgen rollen die Panzer durch den Rest der Stadt.

Noch etwas Denkwürdiges aber geschieht an diesem Tag. Wie die Nachkriegszeit im Süden mit der Übernahme der Raketenforscher anfängt, so sind es im Norden kanadische Fallschirmjäger. Der völlige Zusammenbruch der deutschen Verbände in Vorpommern lässt Rokossowskis Heeresgruppe in hoher Geschwindigkeit durch Mecklenburg stoßen. Montgomery beginnt zu fürchten, sie könnten über Lübeck nach Schleswig Holstein kommen und von dort noch vor seinen Truppen Dänemark erreichen. Er handelt. Seine Fallschirmjäger, kaum in Bataillonsstärke, rasen unbehelligt von den Deutschen einfach über die Elbe bis nach Wismar, am 2 Mai besetzen sie die Stadt zur Freude der Bevölkerung vor den Russen. Diese müssen stehen bleiben, weder Drohungen noch Verhandlungen bewegen die Kanadier dazu, sich zurück zu ziehen. Die Briten haben Dänemark abgesichert, Norddeutschland gleich mit dazu.

Donnerstag, 03. Mai 1945

Zu den Gesetzen der Kriege gehört, dass sie geführt werden, bis ihr Ende befohlen wird. Friedeburgs Delegation wurde zwar zu Montgomery gebracht, aber die Kapitulation musste ausgehandelt und unterschrieben werden. Am Morgen des 3. Mai tobte überall dort der Krieg, wo die Deutschen ihn noch immer weiter führten. Die Briten kämpften sich vor, ihre Luftwaffe hatte zwar kaum noch Gegner, aber noch immer Aufgaben. Ihre Aufklärung hatte die Schiffe in der Neustädter Bucht längst entdeckt. Nach heutigem britischem Forschungsstand wurde den Fliegern der Typhoon Staffel in Plantlünne/Wesel gesagt, es wären SS Truppen auf den Schiffen, die damit fliehen wollten. Sollten sie Fotos gemacht haben, dann ist diese Interpretation naheliegend. An Deck waren nur Marineangehörige und SS Männer. Die Häftlinge in den Bäuchen der Schiffe dicht gedrängt, kaum versorgt, jeden Tag ein Tag des Sterbens, waren nicht zu sehen. Die Schiffe waren als Truppentransporter ausgerüstet und bewaffnet, dass sie nicht mehr fahrfähig waren, konnten die Engländer ebenso wenig wissen. Es kann sein, dass am Abend des 2. Mai durch das Rote Kreuz Informationen über die wahre Nutzung der Schiffe an britische Stellen gelangt waren. Die Flieger an diesem Morgen erreichten sie nicht mehr.

Das entsetzliche Geschehen nahm seinen Lauf. Die mit Raketen bewaffneten Typhoon, schwere Jagdbomber, feuerten auf die Schiffe. Erst auf die Deutschland, die leer war, die Athen war im Hafen geblieben, dann aber auch auf die Thielbeck und die Cap Arcona. Sie gingen in Flammen auf. Die SS mühte sich, die Häftlinge am fliehen zu hindern. Die Rettungsschiffe die aus Neustadt ausliefen, stießen die Gefangenen zurück, suchten nur nach SS und Marineangehörigen. Aus manchen Booten wurde auf die sterbenden KZ Insassen geschossen. Gnadenlos setzten die Deutschen das Mordwerk im buchstäblichen Untergang fort. Die Cap Arcona kenterte langsam im flachen Wasser, legte sich auf die Seite. Auch wenn das Land nicht weit entfernt war, in der eisigen Ostsee starben die entkräfteten Menschen schnell. Auf jene wenigen, die das Ufer erreichten, warteten blutjunge Marinesoldaten, die erbarmungslos mit ihren Karabinern ein Massaker unter ihnen anrichteten. Dies alles zu einer Zeit, da alle Beteiligten wussten, dass der Krieg nur noch Stunden, allenfalls Tage dauern würde. Keine 700 der mehr als 7000 auf den schwimmenden KZ zusammengepferchten Menschen überlebten die Katastrophe. Noch Monate, Jahre, wurden die Toten angespült. Am Abend dieses Tages erreichten die britischen Panzer Neustadt.

Karl Kaufmann empfing zu dieser Stunde den englischen General Spurling im Rathaus und übergab seine Stadt. Er wurde einen Tag danach verhaftet und verbrachte einige Jahre in englischer Gefangenschaft. Für die Hamburger seiner Zeit mutierte er zum Helden, der ihre Stadt gerettet hätte. Mit der Cap Arcona, auf die er seine ihm gefährlich werdenden Häftlinge Neuengammes entsorgt hatte, brachte ihn keiner in Zusammenhang. Kaufmann konnte sich Anfang der 50er Jahre sogar nazistischen Infiltrationsversuchen in die NRW FDP widmen, nach dem Scheitern zog er sich ins Privatleben zurück, war Direktor im Gerling Konzern, konnte unangetastet und tatsächlich angesehen seinen Lebensabend genießen. Seine Rechnung war vollständig aufgegangen. Im Grunde waren seine Interessen und die der Hamburger auch bezüglich Neuengammes deckungsgleich gewesen. Niemand hatte den Wunsch, die zweifelhafte Prominenz von Dachau, Buchenwald und Oranienburg zu bekommen. Nachdem die Engländer das leere KZ übernahmen, machten sie es zum Internierungslager für Nazis, als sie es zurückgaben, rissen die Hamburger es postwendend ab und bauten geschmackvoller Weise ein Gefängnis darüber. Mit den Toten der Cap Arcona verschwanden auch tausende Zeugen, die unangenehme Berichte hätten verfassen können.

Eine würdige Gedenkstätte wurde erst in den 80er Jahren errichtet.

Freitag, 04. Mail 1945

Der Griff in die Geschichte ist heute nicht von mir. Wann immer ich mich mit dem Kriegsende in meiner Vaterstadt befasse, sind es die Zeilen von Ralph Giordano aus seinem Werk die Bertinis, mit dem er das Überleben seiner Familie verarbeitete, die mir durch Kopf und auch Seele gehen, unauslöschlich in mir sind. Als im Februar 1945 die Gestapo auch jene Juden in letzter Stunde verschleppen wollte, die bis dahin fragil und immer gefährdet an der Seite ihrer nichtjüdischen Ehepartner lebten, was das britische Bomberkommando nur in Dresden verhinderte, seine Mutter den Deportationsbefehl erhalten hatte, tauchte die Familie dank einer couragierten Frau unter, in einem feuchten, ja nassen Keller im ausgebombten Hamburg, aus dem sie am 04.05.1945 hervorkriechen konnten, die Befreier zu sehen:

“Wohl aber haftete die entscheidende Minute ihres Lebens ihnen akustisch in Erinnerung. Denn gleich darauf sagte Erika im Tone trockener Feststellung jenen Anschlußsatz, den alle fünf, die da schmutzverkrustet, ohne Gewalt über sich selbst, mit geschlossenen Augen und geschlossenem Mund auf den Brettern lagen, für den Rest ihres Daseins behalten würden:
“Die Scheiße hat also ein Ende!“

Die Panzer kamen am späten Nachmittag, dröhnend und von zwei Seiten – aus der Richtung des Ohlsdorfer Bahnhofs, die Alsterdorfer Straße herunter, und vom Stadtpark, über die Kreuzung zum Flughafen Fuhlsbüttel.

Was dann nacheinander aus der ehemaligen Waschküche hervorkroch, hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit Menschen – es war ein Anblick, auf den niemand vorbereitet sein konnte.

Da keiner der Bertinis aufrecht zu gehen vermochte, bewegten sie sich auf unterschiedliche Weise über den freien Platz des ausgebrannten Häuserkarrees auf die Panzer zu, Alf und die Söhne auf allen vieren, Lea auf den Knien, rutschend, aber auch sie dann und wann mit den Handflächen auf der Erde. Dabei hielten die fünf immer wieder an und bedeckten die Augen, die ohne diesen Schutz fest zusammengekniffen waren – das Licht des Tages stach wie mit Messern auf die Pupillen ein.

So tasteten sie sich vorwärts, weiter und weiter auseinandergezogen – Roman, von Cesar und Ludwig gefolgt, vornean, während Alf und seine Frau die Nachhut bildeten. Alle Bertinis wirkten verspakt, von grünlicher Grundfarbe, als hätten sie lange in Moos gelegen und dessen
Aussehen und Feuchtigkeit angenommen, ihre Kleidung war so mürbe, daß durch die Reibung am Boden, aber auch durch die bloße Bewegung schon, ganze Teile von ihr zerfielen.

Vor dem Gehsteig der Alsterdorfer Straße konnten sich weder Eltern noch Söhne mehr aufrechthalten. Auf dem Bauch, merkwürdig gewunden, starrten sie die Kampfpanzer der Achten Armee des Feldmarschalls Montgomery an, eine endlose Kette, die von rechts heranrollte – stockend, anfahrend, stockend, wenn der britische Soldat im Turmluk auf die fünf grauenhaften Gestalten aufmerksam machte, die sich bis zum Bordstein herangearbeitet hatten, ohne die Köpfe zu erheben.
Nur die Hände zuckten.

So blieben die Bertinis liegen, lange noch, nachdem der letzte Panzer verschwunden war. Von irgend woher, jedoch aus der Nähe, hörten sie Stimmen, Geraune, Rufe, offenbar die Nachbarn der Reichsbahnerin. Aber niemand wagte sich an sie heran. Erika Schwarz war überhaupt nicht aus dem Keller herausgetreten.

Schließlich kroch Roman zurück. Als er an Lea vorbeikam, gewahrte er durch einen Schlitz seiner schmerzenden Augen, daß das Haar der Mutter schneeweiß geworden war, daß nicht ein einziger dunkler Faden es mehr durchzog, daß die schwarze Pracht, mit der Lea das Versteck vor fast einem Vierteljahr betreten hatte, erloschen war. Aber erst, als er Cesar unter freiem Himmel erblickte, weinte er – wie von einem schnurgeraden Scheitel getrennt, war die rechte Hälfte seines Haupthaars silbern verfärbt, während die linke das gewohnte dunkle Braun zeigte.

Es dauerte geraume Zeit, bis Roman Bertini das Loch in der Mauer passiert hatte. Er entzündete eine Kerze und stellte sie an das obere Ende seines Lagers. Dann nahm er die Waffe aus der rechten Hosentasche, legte die Pistole neben die Menora, rückte das Buch Schau heimwärts, Engel von den Manuskripten, holte unter dem Umschlagdeckel sein silbergraues Notizbuch mit dem Goldschnitt hervor und schrieb da hinein:
“Wir sind befreit.“

Dies geschah an einem Freitag, dem vierten Mai, im Jahre Neunzehnhundertfünfundvierzig.”

Der Schlussakt, Montag, 07. Mai 1945

Friedeburg war kaum nach Flensburg zurück gekehrt, wo Dönitz sich als Reichspräsident einrichtete, als wäre das Reich nicht gerade vernichtet worden und seine einzige Aufgabe, den formalen Akt dazu zu vollziehen, da wurde er zu Eisenhower nach Reims geschickt. Dieser nämlich bestand auf der Gesamtkapitulation, die der Aufgabe in Norddeutschland zu folgen hätte. Diesmal wurde ihm Hitlers Stabsgehilfe Alfred Jodl an die Hand gegeben, ein Lakai an der Spitze des Wehrmachtsführungsstabes, der noch in der Vorwoche an der Seite von Keitel die Befehlshaber beschworen hatte, für ein paar weitere Lebenstage des primitiven Mannes an der Spitze, Zehntausende von Soldaten und Zivilisten krepieren zu lassen.

Auch Jodl versuchte das elende Spiel der Teilkapitulation, es galt zu verzögern, um weitere Soldaten von den Russen weg zu den Alliierten zu bringen, aber auch auszuloten, ob nicht doch die Amerikaner sich kurzfristig mit den Deutschen gegen die Russen verbünden würden. Die ganze Hybris dieser vom Wahn befallenen Nazihirne kam in Reims noch einmal zum Ausdruck. Derweil ließ Dönitz munter jene erschießen, die für sich den Krieg beendet hatten, weil sie glaubten, mit dem 04. Mai wäre er in Norddeutschland Geschichte und befahl eine Regierung aus den abgehalfterten Gestalten der Massenmörder bilden. Der Sklavenherrscher Speer war ebenso darunter, wie der Ernährungsminister Backe, der das Reich mit Hungersnöten im besetzten Osten genährt hatte, Dorpmüller, der mit seiner Eisenbahn die Deportationen durchführte, Stuckart, der Teilnehmer der Wannseekonferenz. Mit heutigen Worten müsste man Dönitz und seine Kamarilla als komplett schmerzfrei bezeichnen.

Sie konnten kaum glauben, dass Eisenhower sich auf gar nichts einließ. Bedingungslose Kapitulation oder die US Truppen würden niemanden mehr durch ihre Linien lassen oder gefangen nehmen, der vor den Russen flüchtet. Der Schlächter seiner U-Bootfahrer empörte sich und fühlte sich erpresst. Und bevollmächtigte Jodl zu unterschreiben.

Es vollzog sich in den ersten Morgenstunden des 7. Mai, drei Wochen, nachdem Schukow bei den Seelower Höhen den Angriff befahl. Aber selbst dieser Abschluss blieb nicht ohne den Siegern würdelos die ganze Erbärmlichkeit dieser Satrapen Hitlers vorzuführen, die mit dem Tod des Monsters plötzlich selber handeln mussten, während bis dahin ihre einzige Qualifikation darin bestand, laut und zackig, „jawohl mein Führer“, hervorstoßen zu können.

Jodl bat um ein paar Worte und sagte zum alliierten Oberbefehlshaber: „Herr General! Mit dieser Unterschrift sind das deutsche Volk und die deutsche Wehrmacht auf Gedeih und Verderb dem Sieger ausgeliefert. In diesem Krieg, der über fünf Jahre dauerte, haben beide mehr geleistet und gelitten, als vielleicht irgendein anderes Volk der Welt. In dieser Stunde bleibt mir nichts, als auf den Großmut des Siegers zu hoffen.“

Eisenhower, dessen Truppen das ganze Ausmaß der deutschen Verbrechen bei ihrem Vormarsch vor Augen gekommen war, der selber in Buchenwald gewesen, der befohlen hatte, dass die Menschen Weimars gefälligst anzuschauen hätten, was sie schulterzuckend jahrelang nicht zur Kenntnis nahmen, Eisenhower muss übel geworden sein, bei so viel Selbstgerechtigkeit, so viel Ignoranz eines Mitschuldigen der furchtbarsten Verbrechen der Menschheit. Die Wehrmacht verabschiedete sich, wie sie es verdient hatte, als absoluter Tiefpunkt deutscher Militärgeschichte.

Allein diese Rede verschafft mir stets ein gutes Gefühl, wenn ich daran denke, wie man Jodl in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses den Strick um den Hals legte und die Falltür öffnete.

Ein Epilog für die Flieger

Man hatte den Deutschen Zeit gegeben, ihre abgeschnittenen Armeen zu informieren, ihre unwilligen Kommandeure zu überzeugen, wie den schlimmsten aller Nazigenerale, Schörner, in der Tschechoslowakei. Der Waffenstillstand sollte erst am 8. Mai um 23:01 Uhr beginnen. Bis dahin setzte sich das Sterben fort.

Grigorii Davidenko, sein Beobachter und Kommandant Kapitan Alexei Grashchev sind hochdekorierte „Helden der Sowjetunion“. Der dritte Mann an Bord der Pe-2, die über der Ostsee Ausschau nach deutschen Schiffen hält, die, so weit es noch möglich ist, Soldaten aus dem Kurlandkessel nach Dänemark bringen, ist Bordschütze Mikhail Murashko. Sie haben einen langen Krieg hinter sich, der nur noch wenige Stunden dauern wird. Oberleutnant Thyben darf Kurland verlassen, in seinem Focke-Wulf 190 Jäger fliegt er nach Westen. Er trifft auf die Pe-2, seine Geschosse bringen Davidenko, Grashchev und Murashko den bitteren Tod. Es ist der letzte mit allen Beteiligten dokumentierte Luftkampf des 2. Weltkriegs. Es gibt noch weitere Opfer in letzter Stunde, alle sind Rotarmisten, Erich Hartmann entdeckt über Brünn am Mittag vor Freude über den Sieg kunstfliegende Yaks, stürzt herab und schießt eine im Looping ab, ein Pilot mit einer Me 262 auf dem Flug nach Westen tut dasselbe am Nachmittag über Sachsen, am frühen Abend stürzt Alexandr Kurzenkov, ein Kamerad Davidenkos in die Ostsee, nachdem er Treffer gemeldet hatte. Über die große Arena, wie Pierre Clostermann, freier Franzose in Diensten der RAF den Kampf der Flieger genannt hatte, fiel der Vorhang. Die Luftschlachten zwischen 1939 und 1945 hatten die Kriegführung für immer verändert, den Krieg in das Hinterland der Beteiligten gebracht, die Trennung von Heimat und Front aufgehoben und ungeheure Waffen geschaffen.

Hunderttausende von Flugzeugführern, Beobachtern, Bord- und Bombenschützen, Technikern starben in brennenden Wracks, zerfetzt von Geschossen, rasten ohne Fallschirme in den Tod, wurden am Boden von deutschen Mördern gelyncht, die nicht erinnern wollten, dass ihre Bomberpiloten, die über London ausgestiegen waren, eine gute Zeit in englischen Gefangenenlagern verlebten. Der Sohn eines blutjungen Jagdfliegers, der mit einem schier unfassbaren Glück überlebte, vergisst sie alle nie. Sie sind Bestandteil, ja Ausgangspunkt meiner Obsession, die mich an diese Zeiten bindet.

Der Fantasie des italienischen Generals Douhets aus den 20er Jahren von den riesigen Bombergeschwadern, die den Krieg in die Metropolen tragen und den Feind zur Kapitulation zwingen, waren alle verfallen, als sie begannen. Die Deutschen verwirklichten sie in der ersten Minute des Krieges, als sie eine schlafende polnische Kleinstadt namens Wieluń ohne Kriegserklärung überfielen und zusammen bombten, mit mehr als 1000 Toten. Hunderttausende Zivilisten folgten ihnen, als die Toten Deutsche wurden, verdrängte das Selbstmitleid der Germanen, wer begonnen hatte. Der Luftkrieg brachte Strategen hervor, die Richthofen und Harris hießen und das Moral Bombing für den Weg zum Sieg hielten, damit scheiterten, aber auch Doolittle, Arnold und Eaker, deren tatsächlich strategische Bombardierungen seiner Ressourcen den schrecklichsten Feindes der Kriegsgeschichte entscheidend schwächten. Und ja, Harris hatte allen Grund, seine Methode zu versuchen, für die Deutschen, die jedes Verbrechen, das auch nur denkbar war, begangen hatten, an der Front und in der Heimat, gab es nicht die geringste Berechtigung, den Untergang ihrer Städte erbärmlich zu bejammern.

Der Luftkrieg revolutionierte alles was fliegt, er ließ Düsenjäger und Lenkbomben, Marschflugkörper, Raketen, Langstreckenbomber entstehen, er machte den Flugzeugträger zum entscheidenden Faktor im Seekrieg und er schuf die Waffe des 20. Jahrhunderts, die Atombombe. Zwei Monate zu spät, um sie an den Deutschen zu testen.

Aber rechtzeitig, um ein Zeitalter des Friedens durch Abschreckung zu eröffnen. Doch wenn sie in die Hände derer gerät, die irrational genug sind, sie zum Vehikel ihres Vernichtungswahns zu machen, dann wird eine Epoche des neuerlichen Schreckens anbrechen. So schließt sich am heutigen Tag der Kreis, an dem der US-Präsident einem solchen Regime in den Arm gefallen ist.

Thank you. Good night and god bless America.

Über Waldemar Alexander Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

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