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Waldemar

Hamilton: Das Gegenbild

Lewis Hamilton. Foto: Lukas Raich. CC BY-SA 4.0

Wenn man es recht betrachtet, ist kaum eine Sportart so international geprägt, frei vom Nationendenken, wie die Formel 1. Fahrer aus aller Welt fahren für Teams aus aller Welt, bunt gemischt, je nach Talent und Finanzrahmen. Die Helden sind jene, deren Persönlichkeit und Erfolge sie dazu machten, ihre Anhängerschaft ist ebenso weltweit.

Der Argentinier Fangio, der Gentleman, fuhr für Mercedes und Ferrari, seine fünf Weltmeisterschaften waren viele Jahrzehnte uneinholbar. Schumacher, der größte aller Zeiten, deshalb, weil er eigentlich gar nicht der Pilot war, sondern fuhr, als wäre er Teil des Boliden; seine Herkunft schmeichelte der Nation, aber das Können war ausschlaggebend, die italienische Hymne für das Team klang seinem Verehrer viel typischer im Ohr, als die deutsche. Die größten Emotionen weltweit löste ein Brasilianer aus, Senna, der Gott. Der eine ist für den Motorsport als solchen, der andere für einen Fahrer oder ein Team, wo dieser einmal geboren wurde, spielt keine Rolle, es sind ohnehin meist Weltbürger mit erstem Wohnsitz in Monte Carlo.

Volksgemeinschaft gegen Hamilton

Eigentlich. Trieb man sich in deutschen Formel 1 Foren in diesem und dem letzten Jahre herum, so irritierte, was dort zu lesen war. Der politisch Geneigte fühlte sich nicht selten an Threads erinnert, in denen AfD Anhänger ihrer gepeinigten teutonischen Seele Luft zu machen pflegen. Inselaffe für den Weltmeister gehörte noch zu den schmeichelhafteren Bezeichnungen. Die Volksseele kochte auf erstaunlichem Niveau im vormals internationalen Milieu angesichts eines Duells des für Ferrari fahrenden Sebastian Vettel und des Briten Lewis Hamilton, der noch dazu zum Team des deutschen Industrieunternehmens schlechthin, Mercedes, gehört.

Wildeste Verschwörungstheorien waren Alltag Über die Primitivität der Anwürfe, neudeutsch würde man das wohl Hasskommentare nennen, hinaus, war aber auch Spannendes von klugen Menschen zu lesen, exemplarisch soll der Kommentar einer durch und durch linksliberalen Intellektuellen, vielleicht der klassischen Bildungsbürgerin, sein, in der Erkenntnis, dass Hamilton mit dem fünften Titel sich ab sofort in der Gesellschaft von Fangio und Schumacher befindet: “Der Typ wird nie auf eine Stufe mit den anderen kommen, auch wenn er noch so viele Titel holt. Dazu ist er charakterlich ein zu großer Ausfall”.

Blonder Germane gegen Inselaffen

Vom Inselaffen zum charakterlichen Ausfall, warum weckt der Sieger diese negative Emotion in Germanistan, wer weltweite Foren abonniert hat, liest vollkommen anderes? Deutschland hat sich auf eine ganz radikale Weise politisch verändert, zweifelsohne, das Nationale hat für manche einen bislang unbekannt scharfen Stellenwert erreicht, auch „der Engländer“ als Kriegsgegner ist ganz jungen Menschen plötzlich sehr gegenwärtig, die Selbstmitleidskultur der Dresdner Enkel des Bombenkriegs ist zu ungeahnter Höhe aufgestiegen. Ganz böse ist der Verdacht, die Volksseele kochte, weil der klassische germanische blonde Held dem ersten großen dunkelhäutigen Fahrer unterlag.

Die Bezeichnung Inselaffe entstammt zwar Zeiten, da weiße Piloten am Steuerknüppel der Lancaster saßen, aber in so manchem Hirne mag er eine ganz neue Bedeutung gewonnen haben. Für die ordinäre Wut kann hier schon ein Motiv liegen, es lohnt jedoch, sich das Bild, das die Kontrahenten von sich vermitteln, hiervon ausgehend genauer zu betrachten, um auch den charakterlichen Ausfall für den Bildungsbürger verstehen zu können.

Hamilton und Vettel als Gegenpole

Sie sind nämlich über die Optik hinaus von sich selber und ihren PR-Abteilungen aufgebaute Gegenbilder. Vettel hat sich ein Image erworben, dass man ihm glatt abnehmen würde, er führe nach dem Rennen im Golf heim zu Weib und Kinde im Reihenhaus am Stadtrand, die er natürlich (das ist sogar verständlich) vollkommen von der Öffentlichkeit abschirmt. Dass er tatsächlich irgendwo im nirgendwo in einer umgebauten Windmühle in der Schweiz wohnt, macht ihn nur umso deutscher, wäre nicht gerade der Motorsport seine Profession, es würde ihn sogar der geneigte Linksgrüne lieben können.

In sozialen Medien ein Totalausfall, die moderne Form der Selbstdarstellung ist ihm ein Graus, wie passend für eine Nation, die ihrer nachfolgenden Generation unbedingt die Handys in der Schule entziehen möchte, hat er mit leiser trauriger Stimme die Fähigkeit, seine dauerhaften rüden Rammstöße wider die Konkurrenz stets mitleidheischend als Pech oder Angriffe gegen ihn umdeuten zu können, der Deutsche braucht stets das Opfergefühl, er ist unser Junge von nebenan eben, unser, einer von uns, von uns Deutschen. Es ist das gute alte Bescheidenheitsideal, das ihn umgibt, weniges ist so germanisch, wie dieses.

Hamilton ist Weltbürger

Auf der anderen Seite aber ist ein Weltbürger, der sein monegassisches Appartement kaum bewohnt, weil er im dunkelroten Privatjet um die Welt fliegt, voller Neugier auf alles, was er zu sehen bekommen kann. Ein junger Mensch aus wirklich bescheidenen Verhältnissen, der sich in die Welt der Multimillionäre gefahren hat und dies in vollen Zügen reuelos auskostet, über Instagram, Twitter und Facebook seinen Followern zeigt, um das Glücksgefühl, was er ob seines Aufstiegs empfindet, zu teilen.

Er umgibt sich mit der Welt der Schönen und Reichen, seine missglückten Beziehungen waren Hupfdohlen, er genießt karibische Strände, während die Konkurrenz schon verbissen auf der Trainingsstrecke ist, alles geselfied und in die Welt gepostet. Seine besondere Liebe gilt der Mode, kein Pariser Salon ohne Lewis Hamilton, eine Sebastian Vettel Linie von Tommy Hilfiger ist eher weniger vorstellbar. Seine Lebensgefährten heißen Roscoe und Coco und sind ihres Zeichens Bulldoggen, zuletzt aber nicht mehr immer dabei, weil sie als Hundemodels ihr eigenes Business haben.

Es ist der Neid

So langsam beginnt die Ahnung, worin der charakterliche Mangel für den hiesigen Zeitleser bestehen könnte und wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Neid die Schwester des Bescheidenheitsideals ist, lässt sich nun auch das volle Ausmaß der Ablehnung durch weniger intellektuelle Schichten erfassen. Es kreischt förmlich aus ihnen, dieser Lackaffe, wie kann er einfach die Millionen zum Vergnügen nutzen, wie kann er sich um sein Äußeres scheren, Ohrringe tragen, Privatjet mit den Hundis fliegen, so anders sein, als es der eigenen Vorstellung entspricht. Der kann und darf nicht besser sein, als unser stiller Siegfried und schon gar nicht als der Schumi. Nur finstere Mächte haben ihn dahin gebracht, wir Deutschen sind betrogen.

Da hilft dann auch der Mercedes nichts mehr, den er fährt, im Gegenteil, nicht wenige, für die das bedeutendste Unternehmen des Deutschlands nun plötzlich Landesverrat begeht. Lewis Hamilton repräsentiert all das, was als unfein gilt, die Selbstdarstellung, das offene zur Schau stellen des Reichtums, den Verzicht auf ein “geordnetes” Privatleben zu Gunsten des Erlebens, den vorgelebten Genuss statt der Zurücknahme für irgendeine Sache.

Der Lebemann und Weltbürger, er ist dem Deutschen fremd. Welch Ironie, dass ausgerechnet eine Formel 1 Weltmeisterschaft die Erkenntnis vor Augen führt, es gibt ihn, es gibt ihn noch immer, den deutschen Volkscharakter, der aus den Idealen der Askese, der Bescheidenheit, des verborgenen Familienlebens und daraus zwingend folgend dem Neid und dem tiefen Misstrauen gegenüber wirklicher Weltoffenheit besteht. Er hat sich nicht geändert. Der Germane und sein Deutschtum, das im 19. Jahrhundert seine so verhängnisvollen Wertvorstellungen entwickelte.

Erschienen am 01.11.2018 bei Ruhrbarone

Über Waldemar Alexander Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

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