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Waldemar

Griff in die Geschichte: Fateful Days, 07.12.1941 – Tora, Tora, Tora


Fateful Months nannte Christopher Browning in einem grundlegenden Werk zur Genesis der Shoa die zweite Jahreshälfte 1941. Als Fateful Days könnte man jene Tage von Mitte November bis zum 11. Dezember vor 77 Jahren bezeichnen, denn sie entschieden ein halbes Jahrhundert bis zur nächsten Zeitenwende im Jahre 1989, auf für die Heutigen nicht mehr nachvollziehbare Weise menschenverschlingend.  Von unserem Gastautor Waldemar Alexander Pabst.

Korvettenkapitän Mitsuo Fuchida griff zum Fernglas und suchte den Himmel ab. Als Geschwaderkommandeur auf dem Flugzeugträger Akagi, der nun als Flaggschiff der Kidō Butai gegen Pearl Harbor diente, war ihm nichts weniger als die Führung des Luftangriffs anvertraut worden. Er saß auf dem Mittelplatz einer Nakajima B5N, eines Torpedobombers, vor ihm lag Oahu und kein Flugzeug war über der Insel zu sehen. Es ging auf 08:00 Uhr an diesem wundervollen ruhigen Sonntagmorgen über Hawaii zu. Durch den Funkstrahl von Radio Honolulu hatte er sich zur Erleichterung seiner Orientierung hinführen lassen. Die Überraschung war gelungen. Der Funkspruch, den er zur Bestätigung dessen absetzte, nach so vielen Tagen der absoluten Funkstille, hieß Tora, Tora, Tora (Totsugeki wie Angriff, Raigeki, wie Torpedo). Er erreichte Nagumo auf der Akagi, er kam bei Isoroku Yamamoto auf dem Schlachtschiff Nagato in den japanischen Heimatgewässern an. In wenigen Minuten würde er das Paradies in ein Inferno verwandeln, ein Blutvergießen auslösen, das fast vier Jahre später erst mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sein Ende finden wird.

Die Note

In Washington war es Mittag. Seit dem Vortag waren die politische und militärische Führung in Hektik ausgebrochen. Der Glaube an einen unmittelbar bevorstehenden japanischen Angriff verfestigte sich langsam zur Gewissheit. Botschafter Nomura bekam eine Note zugesandt, die aus 14 Teilen bestehen sollte, 13 wurden am 6. Dezember übermittelt, gleichzeitig von den Japanern und der amerikanischen Aufklärung entschlüsselt, sie enthielten eine Zusammenfassung der gescheiterten Verhandlungen und Schuldzuweisungen an die USA. Der 14. Teil wurde für den 07.12. angekündigt und angewiesen, alle Teile dem amerikanischen Außenminister Hull um 13:00 Uhr zu übergeben, 07:30 Uhr würde es auf Hawaii dann sein, 30 Minuten vor der ersten Bombe, genug, um gewarnt zu haben, zu spät, dass der Warnung noch militärische Vorkehrungen folgen könnten.

Yamamotos ganzes Konzept beruhte darauf, mit der Enthauptung der Flotte einen Schock auszulösen, der die USA bereitmachen würde, sich den Forderungen Japans zu unterwerfen. All seine Kenntnis Amerikas hatte ihn doch nicht vor der Überheblichkeit des Samurai gegenüber der Moral der Menschen einer westlichen Demokratie bewahrt. Die Aufklärer warnten, einem von ihnen gelang es, Roosevelt am Abend zu informieren, der übermittelte dem Tenno einen persönlichen Friedensappell. Der amerikanische Generalstab wollte erst den 14. Teil abwarten. Als dieser am Morgen des 7. eintraf, war es klar. Der Krieg würde beginnen. Es war keine Kriegserklärung, konnte aber als solche verstanden werden, mit der Anweisung zur Zerstörung aller Chiffriergeräte am Ende. Die Stützpunkte im Pazifik wurden alarmiert. Alle, nur nicht die Marine und das Heer auf Hawaii. Atmosphärische Störungen behinderten die Übermittlung per Funk, es gab ein Telegramm. Es traf nach dem Angriff beim Heereskommandeur Short ein, der einen Wutanfall bekam und es an Admiral Kimmel weiterleitete.

Pearl Harbor

Zwei technische Neuerungen hatten die Angreifer an Bord. Die Torpedos waren modifiziert, dass sie auch im flachen Wasser der Bucht nicht in den Grund stoßen würden, aus schweren Artilleriegranaten waren Bomben entwickelt worden, die die Panzerungen der Schlachtschiffe durchschlagen konnten. Doch die japanischen Ziele waren nicht mehr vollständig. Nach Wake und auf die Midwayinseln lieferten die drei amerikanischen Träger Flugzeuge, sie hatten in den Tagen zuvor Pearl Harbor verlassen.

Die Geschichte ist bekannt, in guten und schlechten Filmen aufgearbeitet, Bücher geschrieben, die besser sind, als jeder Aufsatz hier schildern könnte. Deshalb bleibt die Beschränkung auf den Kardinalfehler General Shorts, aus Sorge vor Sabotageakten seine Flugzeuge eng nebeneinander in die Mitte der Fliegerhorste zu stellen, dass sie wie Zielscheiben für die Zeros fungierten und praktisch vollständig am Boden vernichtet wurden; auf die Versenkung eines der japanischen Mini-U-Boote in den ersten Morgenstunden, die als Ergänzung im Hafenbecken Schrecken stiften sollten, was ohne Konsequenzen blieb, weil der Kommandant des siegreichen Zerstörers zum ersten Mal ein Schiff führte, weshalb ihm schlicht nicht geglaubt wurde; auf den unglückseligen Leutnant Kermit Tyler, der die Meldung der Radarbeobachter bekam, die den japanischen Verband frühzeitig entdeckt hatten und seine Männer ins Bett schickte, weil er wusste, dass eine B-17 Staffel für 08:00 Uhr angekündigt war, auf die legendäre Meldung, „Luftangriff auf Pearl Harbor, dies ist keine Übung“, auf die Explosion des Schlachtschiffes Arizona, als eine der neuen Bomben ihr Deck zerschlug und in der Munitionskammer detonierte; auf Kimmels Erkenntnis, nach dem ein müdes japanisches Schrapnell neben ihm heruntergefallen war, während er aus seinem Bürofenster den Untergang seiner Flotte betrachtete, dass es barmherziger gewesen wäre, es hätte ihn getötet.

In zwei Wellen griffen die Japaner an, weil sie nur auf diese Weise alle Flugzeuge von ihren Trägern starten konnten. Fuchida kreiste über der Bucht, nahm die Schäden auf und flog mit der zweiten Welle zurück. 5 Schlachtschiffe waren gesunken, 3 Schlachtschiffe, 3 Kreuzer und 3 Zerstörer beschädigt, 188 zerstörte Flugzeuge, 155 beschädigte, 2.403 Tote, 1.178 Verwundete hinterließ er. Alle Vorausberechnungen waren in den Schatten gestellt worden. Nur 29 Flugzeuge hatte er verloren, die Mini-U-Boote waren alle, ohne einen Torpedo abgefeuert zu haben, gesunken, 1 Gefangener, 65 Tote.

Als Fuchida landete, wunderte er sich. Er hatte erwartet, dass die zurückgekehrte erste jetzt als dritte Welle starten würde. Es war vorgesehen, diese die Hafen- und Werftanlagen nachhaltig zerstören zu lassen und die gewaltigen Treibstofflager zu vernichten; deshalb zum Schluss, weil das brennende Öl die Sicht über dem Hafen unmöglich gemacht hätte. Aber Nagumo setze das Signal zum Rückzug. Er hatte Angst um seine unersetzlichen Schiffe. Wie die Amerikaner in den Tagen zuvor nicht wussten, wo die japanischen Träger waren, kannte er nicht den Standort der amerikanischen. Nagumo war ein Zauderer. Der Sieg schien ihm groß genug. Er verzichtete darauf, den zentralen Stützpunkt der Pazifikflotte langfristig unbrauchbar zu machen, den verbliebenen Schiffen den Antrieb zu nehmen und die Reparatur der in den flachen Gewässern auf der Seite liegenden Riesen zu verhindern. Und er verzichtete auf die unverhoffte Möglichkeit, den gerade zurückkehrenden Flugzeugträger Enterprise zu versenken. Er führte seinen Auftrag nicht zu Ende. Der Erfolg würde nur kurzfristig wirken.

Der Kriegsausbruch

Nomura und Kurusu mögen versierte Verhandlungspartner gewesen sein, zum Entschlüsseln und Tippen endlos langer diplomatischer Noten eigneten sie sich nicht, so wenig wie für eine nur einigermaßen ordentliche Vorbereitung einer historischen Stunde. Ihre Dechiffrierer waren an diesem Sonntagmorgen nicht vor Ort, als der 14. Teil auch bei ihnen eintraf. Das Geschehen in der japanischen Botschaft mutet in der Rückschau wie eine Tragikomödie an. Für 13:00 Uhr hatten sie wie geplant einen Termin bei Hull vereinbart, sie hockten höchstselbst vor ihren Maschinen und scheiterten an der Technik, immer wieder mussten sie den Zeitpunkt verschieben. Es sei ihnen allerdings zu Gute gehalten, dass sie weder eine Ahnung vom Geschehen über Oahu hatten, noch ihnen überhaupt klar war, dass es sich um eine Defacto-Kriegserklärung handelte und weshalb die Uhrzeit wichtig war. Als sie schließlich beim amerikanischen Außenminister eintrafen, war es nach 14:20 Uhr und Fuchida bereitete sich auf den Rückflug vor. Hull wusste bereits, was sich in Pearl Harbor abspielte, die Note, die die beiden Japaner mühsam gefertigt hatten, kannte er länger als sie, die amerikanische Aufklärung hatte sie entschieden professioneller dekodiert und er konnte bestens vorbereitet einen tief empörten Auftritt hinlegen, der den ahnungslosen Nomura schmerzlich traf, eher er seine Gegenüber, die die ganze Zeit stehen mussten, aus dem Raum wies.

Roosevelt vervollkommnete Hulls Schauspiel am Folgetag, mit dem Satz vom „date which will live in infamy“, den er seiner Kriegserklärung voranstellte. Die Wirkung auf die Menschen in den USA war durchschlagend. Yamamotos große Idee hatte das Gegenteil seiner Hoffnung bewirkt, sie hatte den Isolationismus beendet, die Männer strömten zu den Rekrutierungsstätten, der Kampf gegen die schlimmsten Feinde der Menschheit hatte den größtmöglichen Verbündeten gewonnen.

Japan schlug zu. Der Gegner hatte keine Flotte mehr, die einzigen Schlachtschiffe, die im Pazifik noch agieren konnten, waren die britischen der Force Z, dazu kamen die Verbände der drei amerikanischen Flugzeugträger. Die Flotten- und Landungseinheiten, die die amerikanische Aufklärung seit einer Woche verfolgt hatte, griffen ihre Ziele, die britischen Besitzungen (sie landeten in Malaysia aufgrund eines Koordinationsfehlers sogar eineinhalb Stunden vor Pearl Harbor), das niederländische Indonesien und die Philippinen zum Teil noch am selben Tage an. In Manila kommandierte MacArthur, der zum Mythos werden würde, jedoch im Gegensatz zu Kimmel und Short rechtzeitig gewarnt worden war, sich seine Flugzeuge aber ebenso wehrlos am Boden zerstören ließ.

Yamamoto erfuhr von der verspäteten Übergabe der Note, er wusste, die amerikanischen Träger waren davongekommen und Nagumo hatte die dritte Welle gestrichen. Sein Glaube an einen Erfolg seiner Strategie war ohnehin marginal gewesen. Voller Skepsis befand er sich in Mitten des Jubels seiner Untergebenen. „Wir haben einen schlafenden Riesen geweckt und ihn zu einem schrecklichen Entschluss angestachelt,“ soll er bemerkt haben. Sofern das stimmt, er hätte in einem Satz alles zusammengefasst, was zu diesem Tag zu sagen war. 

Der Abend in Europa

Ihren deutschen Hauptverbündeten informierten die Japaner gar nicht erst. Hitler erfuhr von den Ereignissen aus Agenturmeldungen. Das Kriegstagebuch des OKW berichtete am 7. Dezember 1941:

„Ferner Osten

Lt. Meldung aus Washington haben die Japaner Pearl Harbour sowie sämtliche Marine= und Heereseinrichtungen auf der Insel Oahu, dem Hauptstützpunkt auf den Hawai=Inseln, aus der Luft angegriffen. Ferner wird ein Luftangriff gegen Stützpunkte des Heeres und der Kriegsmarine in Manila gemeldet. Laut Erklärung des Weißen Hauses sind japanische Angriffe auf Hawai und Manila noch im Gange. (Reuter).

Laut Verlautbarung des Kaiserl. Jap. Hauptquartiers befindet sich die japanische Armee und Flotte im Westpazifik im Kampf mit britischen und amerikanischen Streitkräften (Sondermeldung Tokio).

Laut Meldung des Marinedepartments an den Präsidenten japanische Luftangriffe auf Guam. (Reuter).

Amtl. Bericht aus Singapur: Am 7. 12. gelang es feindl. Truppen, in einer Bucht bei Padang Tabek zu landen. Vordringen der Truppen auf Flugplatz Coda Baru und Kämpfe mit brit. Landtruppen und Flugzeugen werden gemeldet (Daventry)“

Ein Mann hatte die weitreichenden Konsequenzen des Tages vollkommen erkannt. In Europa war es schon Abend, da Fuchidas Flieger sich auf die Schlachtschiffe stürzten. Als Winston Churchill in der Nacht sich schlafen legte, tat er es zum ersten Mal, seit er die Verantwortung für die Kriegsführung Großbritanniens trug, in der tiefen Beruhigung der Erkenntnis, dass, was auch immer an Schrecken auf die ihm anvertrauten Menschen zukäme, der Krieg gewonnen würde. Seite an Seite mit dem gewaltigen Potential der USA, könnte das absolut Böse, das Europa und auch Ostasien bedrohte, am Ende in den Untergang gebracht werden. Eineinhalb Jahre zuvor stand sein Land allein und durch seinen Willen getragen gegen Adolf Hitlers Herrenmenschen; am Rande der Niederlage. Nur etwas Atempause hatte ihm der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion gebracht, auch in London war man im Oktober sicher, dass die Nazis siegreich in Moskau einziehen würden. Jetzt hatte sich alles gewandelt.

Schlimme Tage folgten. Die Force Z, die Prince of Wales, die gegen die Bismarck bestanden hatte, auf der er wohnte, als er im Sommer Roosevelt in der Placentia Bay vor Neufundland traf und die Repulse, die beide vergebens nach japanischen Flottenverbänden gesucht hatten, wurden am 10. Dezember von der japanischen Luftwaffe entdeckt und versenkt, erneut bewies Yamamoto, wie unterlegen die vormaligen Monster der Meere gegen Flugzeuge waren. Malaysia, Singapur und Hongkong würden in schneller Reihenfolge fallen, Churchills festen Glauben an den sicheren Sieg erschütterte das nicht.

In den Schneewüsten vor Moskau starben die aus den Stellungen geworfenen Deutschen in ihren Herbstmänteln.

 

Erschienen am 07.12.2018 bei Ruhrbarone

Über Waldemar Alexander Pabst

Undogmatischen Konservativer. Nazifeind, Antikommunist, entschiedener Gegner jedes religiösen Totalitarismus, Rassismus und nicht zuletzt der Verschwörungstheoretiker. Bekennender Israelfreund und das, was man einmal einen “Atlantiker” nannte. Vertritt uneingeschränkt das Gesellschaftssystem der freien Welt. Blog: https://schwarzoderweiss.wordpress.com/

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